• anonym
  • 04.10.2023
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TO­DES­ANGST
Kurz­ge­schich­te von Wolf­gang Pram­per



Schließ­lich war mein Geld zu Ende und ich stand buch­stäb­lich ohne einen Cent in der Ta­sche auf der Stra­ße. Ich lief mir die Füße nach einem an­stän­di­gen Ver­dienst ab, aber nie­mand konn­te mich brau­chen. Der Hun­ger nagte in den Ein­ge­wei­den und sah mir aus den Augen.



End­lich ge­lang es mir, auf­ei­ner Land­stra­ße ein altes Auto an­zu­hal­ten, des­sen Be­sit­zer zu­fäl­lig ein­Zir­kus­di­rek­tor war. Er be­reis­te die klei­nen Städ­te des Wes­tens und brauch­te ge­ra­de je­man­den, der im Zir­kus­ge­schäft fest zu­pa­cken woll­te. Ich schien genau der rich­ti­ge Mann für ihn zu sein. Da mir keine an­de­re Wahl blieb, nahm ich schließ­lich an.



Aber was die­ser Kerl mir vor­schlug, war selbst für Ame­ri­ka au­ßer­ge­wöhn­lich: Ich soll­te mich in die Haut eines Ti­gers ein­nä­hen las­sen und dann zu einem le­ben­di­gen Löwen in den Käfig stei­gen. Well, my old boy, sagte er, John­ny, mein ein­zi­ger Tiger, ist kre­piert. Ganz plötz­lich, ohne sich zu ver­ab­schie­den! Lag eines Mor­gens da und mach­te nicht mehr ‚piep‘. Hab aber die ver­dammt star­ke Num­mer schon auf Pla­ka­ten an­ge­kün­digt, muss einen coo­len Tiger haben, auch wenn’s mich ei­ni­ge Schein­chen kos­tet. Ist ja die steils­te At­trak­ti­on der Vor­stel­lung. Brauchst aber keine feuch­ten Hände zu krie­gen, Junge, der Löwe ist alt und nicht ge­ra­de helle im Ober­stüb­chen, der kann kei­ner lau­si­gen Flie­ge ein Haar krüm­men. Ist ein ganz fet­ter, auf­ge­bla­se­ner Bur­sche, er wird sich gar nicht um­se­hen nach dir. Bis der den Bra­ten ge­ro­chen hat, bist du längst wie­der ab­ge­zischt, also,dear fri­end, was ist, bist du dabei?



Mein Ge­fühl sagte mir, dass ich die­sem Mann nicht trau­en soll­te, au­ßer­dem spür­te ich wirk­lich keine Neu­gier­de, mich als Tiger auf­zu­spie­len. Doch der feine Herr ließ mich gar nicht mehr zu Wort kom­men. Ob­wohl ich aus dem Wagen woll­te, gab er Gas und wir hol­per­ten über die Stra­ßen, dass mir Hören und Sehen ver­ging. Schließ­lich hatte er mich über­re­det und ich war be­reit, für einen Dol­lar pro Vor­stel­lung in den Käfig zu gehen. Seit­dem weiß ich, was ent­setz­li­che Angst ist.



Der Bur­sche ließ mich nicht aus den Augen, und als der Abend kam, pack­ten mich zwei hand­fes­te Kerle,näh­ten mich in das stin­ken­de Ti­ger­fell und scho­ben mich in den Käfig hin­ein. Das Zelt war voll und die Zu­schau­er brüll­ten, als ich ver­wirrt um­her­tau­mel­te.Mein Herz schlug ra­send, der Schweiß brach mir aus allen Poren. Ich hatte ganz er­bärm­li­che Furcht, meine Knie zit­ter­ten so stark, dass ich mich kaum auf den Bei­nen hal­ten konn­te.



Erst be­weg­te sich der Löwe nicht. Die Leute im Zir­kus brüll­ten, pfif­fen und klatsch­ten mit den Hän­den. Dann hob das Un­tier lang­sam den Kopf und schüt­tel­te seine Mähne. Es war ein präch­ti­ges Tier, das jedem Zoo Ehre ge­macht hätte. Der Löwe stemm­te sei­nen schwe­ren Kör­per hoch und kam lang­sam auf mich zu. Ich legte mich nie­der und ahmte in mei­ner Ver­zweif­lung einen sprung­be­rei­ten Tiger nach, da ich glaub­te, ihn da­durch ab­schre­cken zu kön­nen. Doch er kam näher. Ich schloss die Augen, woll­te schrei­en, aber die Kehle war wie zu­ge­schnürt. Kei­nen Laut brach­te ich her­aus. Ich woll­te auf­sprin­gen, doch die To­des­angst lähm­te meine Glie­der. Wenn ich auch wenig sah, so ver­nahm ich doch, wie die Bes­tie knur­rend auf mich zukam, und hörte, wie die schwe­ren Tat­zen über den Sand­bo­den schleif­ten. Näher und näher kam das Biest heran und ich fühl­te, dass es schon ganz nahe bei mir war. Ich spür­te plötz­lich, vor Schreck zu­sam­men­zuckend, wie es mich mit der Pran­ke an­stieß, roch sei­nen hei­ßen Atem – und hörte, wie es mir zu­flüs­ter­te: Gibt der Lump dir auch nur einen Dol­lar?

Wo ist die Kurz­ge­schich­te er­schie­nen:

La­chen der Ju­gend, Heft 5, S. 264. Müns­ter: Deut­scher­Ju­gend Ver­lag



La­chen der Ju­gend, Deut­scher Ju­gend Ver­lag
1
Be­ant­wor­te nun die fol­gen­den W-​Fragen in gan­zen Sät­zen:
  • Wer sind die Haupt­per­so­nen in die­ser Kurz­ge­schich­te?
  • Wo spielt diese Kurz­ge­schich­te?
  • Was schlägt der Zir­kus­di­rek­tor dem Mann vor?
  • Warum nimmt der Mann diese ge­fähr­li­che Ar­beit an?
  • Was ist die Poin­te (lus­ti­ge, iro­ni­sche und un­er­war­te­te Wen­dung) in die­ser Ge­schich­te?
  • Wer wird be­tro­gen?
2
Kreu­ze an: Sind diese Aus­sa­gen wahr oder falsch?

Wahr

Falsch

1

Da der Tiger ge­stor­ben ist, sucht der Zir­kus­di­rek­tor drin­gend nach einem Er­satz.

2

Der Zir­kus tritt nur in den größ­ten Städ­ten des Os­tens auf.

3

Der Held der Ge­schich­te nimmt den Job an, weil er be­rühmt wer­den möch­te.

4

Der Held der Ge­schich­te hat das Ge­fühl, dass er dem Zir­kus­di­rek­tor nicht trau­en kann.

5

Der Mann er­fährt erst, was er tun muss, nach­dem er den Job an­ge­nom­men hat.

6

Der Zir­kus­di­rek­tor bie­tet dem Mann 100 Dol­lar pro Vor­stel­lung an.

7

Als der Löwe auf ihn zu­kommt, stellt er sich tot.

8

Der Zir­kus­di­rek­tor be­schreibt den Löwen als ein altes, dum­mes, fet­tes Tier.

9

Die Be­schrei­bung des Löwen durch den Zir­kus­di­rek­tor ent­spricht der Wahr­heit.

10

In die­ser Kurz­ge­schich­te kom­men viele in­di­rek­te Reden vor.

11

Der Mann lernt den Zir­kus­di­rek­tor auf einer ein­sa­men Land­stra­ße ken­nen.

Wahr oder falsch?
3
Be­ar­bei­te nun die fol­gen­den Ar­beits­auf­trä­ge in gan­zen Sät­zen in dei­nem Schul­ar­bei­ten­heft:
  • Kannst du aus dei­nem Leben Bei­spie­le nen­nen, in denen Men­schen vor­ge­ben, etwas zu sein, weil sie damit an­de­re be­ein­dru­cken wol­len? Denke an so­zia­le Netz­wer­ke im In­ter­net oder an Fern­seh­shows. Er­zäh­le über deine Er­fah­run­gen: (ca. 50 Wör­ter)
  • Nun fasse die Kurz­ge­schich­te in we­ni­gen Sät­zen zu­sam­men: (ca. 100 bis 150 Wör­ter)
  • Was möch­te der Autor dei­ner Mei­nung nach mit die­ser Ge­schich­te aus­drü­cken: (ca. 50 Wör­ter)
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