• 3. Deutsch-Schularbeit 3 abc
  • anonym
  • 06.03.2021
  • Berufsbildungsreife, Mittlere Reife
  • Deutsch
  • 7
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TO­DES­ANGST
Kurz­ge­schich­te von Wolf­gang Pram­per

Schließlich war mein Geld zu Ende und ich stand buchstäblich ohne einen Cent in der Tasche auf der Straße. Ich lief mir die Füße nach einem anständigen Verdienst ab, aber niemand konnte mich brauchen. Der Hunger nagte in den Eingeweiden und sah mir aus den Augen.

Endlich gelang es mir, aufeiner Landstraße ein altes Auto anzuhalten, dessen Besitzer zufällig einZirkusdirektor war. Er bereiste die kleinen Städte des Westens und brauchte gerade jemanden, der im Zirkusgeschäft fest zupacken wollte. Ich schien genau der richtige Mann für ihn zu sein. Da mir keine andere Wahl blieb, nahm ich schließlich an.

Aber was dieser Kerl mir vorschlug, war selbst für Amerika außergewöhnlich: Ich sollte mich in die Haut eines Tigers einnähen lassen und dann zu einem lebendigen Löwen in den Käfig steigen. Well, my old boy, sagte er, Johnny, mein einziger Tiger, ist krepiert. Ganz plötzlich, ohne sich zu verabschieden! Lag eines Morgens da und machte nicht mehr ‚piep‘. Hab aber die verdammt starke Nummer schon auf Plakaten angekündigt, muss einen coolen Tiger haben, auch wenn’s mich einige Scheinchen kostet. Ist ja die steilste Attraktion der Vorstellung. Brauchst aber keine feuchten Hände zu kriegen, Junge, der Löwe ist alt und nicht gerade helle im Oberstübchen, der kann keiner lausigen Fliege ein Haar krümmen. Ist ein ganz fetter, aufgeblasener Bursche, er wird sich gar nicht umsehen nach dir. Bis der den Braten gerochen hat, bist du längst wieder abgezischt, also,dear friend, was ist, bist du dabei?

Mein Gefühl sagte mir, dass ich diesem Mann nicht trauen sollte, außerdem spürte ich wirklich keine Neugierde, mich als Tiger aufzuspielen. Doch der feine Herr ließ mich gar nicht mehr zu Wort kommen. Obwohl ich aus dem Wagen wollte, gab er Gas und wir holperten über die Straßen, dass mir Hören und Sehen verging. Schließlich hatte er mich überredet und ich war bereit, für einen Dollar pro Vorstellung in den Käfig zu gehen. Seitdem weiß ich, was entsetzliche Angst ist.

Der Bursche ließ mich nicht aus den Augen, und als der Abend kam, packten mich zwei handfeste Kerle,nähten mich in das stinkende Tigerfell und schoben mich in den Käfig hinein. Das Zelt war voll und die Zuschauer brüllten, als ich verwirrt umhertaumelte.Mein Herz schlug rasend, der Schweiß brach mir aus allen Poren. Ich hatte ganz erbärmliche Furcht, meine Knie zitterten so stark, dass ich mich kaum auf den Beinen halten konnte.

Erst bewegte sich der Löwe nicht. Die Leute im Zirkus brüllten, pfiffen und klatschten mit den Händen. Dann hob das Untier langsam den Kopf und schüttelte seine Mähne. Es war ein prächtiges Tier, das jedem Zoo Ehre gemacht hätte. Der Löwe stemmte seinen schweren Körper hoch und kam langsam auf mich zu. Ich legte mich nieder und ahmte in meiner Verzweiflung einen sprungbereiten Tiger nach, da ich glaubte, ihn dadurch abschrecken zu können. Doch er kam näher. Ich schloss die Augen, wollte schreien, aber die Kehle war wie zugeschnürt. Keinen Laut brachte ich heraus. Ich wollte aufspringen, doch die Todesangst lähmte meine Glieder. Wenn ich auch wenig sah, so vernahm ich doch, wie die Bestie knurrend auf mich zukam, und hörte, wie die schweren Tatzen über den Sandboden schleiften. Näher und näher kam das Biest heran und ich fühlte, dass es schon ganz nahe bei mir war. Ich spürte plötzlich, vor Schreck zusammenzuckend, wie es mich mit der Pranke anstieß, roch seinen heißen Atem – und hörte, wie es mir zuflüsterte: Gibt der Lump dir auch nur einen Dollar?

Aus: Lachen der Jugend, Deutscherjugend Verlag
Wo ist die Kurz­ge­schich­te er­schie­nen:

La­chen der Ju­gend­, Heft 5, S. 264. Müns­ter: Deut­scher­Ju­gend­ Ver­lag

Lachen der Jugend, Deutscher Jugend Verlag
1
Be­ant­wor­te nun die fol­gen­den W-​Fragen in gan­zen Sät­zen in dei­nem Schul­ar­bei­ten­heft:
  • Wer sind die Haupt­per­so­nen in die­ser Kurz­ge­schich­te?
  • Wo spielt diese Kurz­ge­schich­te?
  • Was schläg­t der Zir­kus­di­rek­tor dem Mann vor?
  • Warum nimmt der Mann diese ge­fähr­li­che Ar­beit an?
  • Was ist die Poin­te (lus­ti­ge, i­ro­ni­sche und u­n­er­war­te­te Wen­dung) in die­ser Ge­schich­te?
  • Wer wird be­tro­gen?
2
Kreu­ze an: Sind diese Aus­sa­gen wahr oder falsch?

Wahr

Falsch

1

Da der Tiger ge­stor­ben ist, sucht der Zir­kus­di­rek­tor drin­gen­d nach einem Er­satz.

2

Der Zir­kus tritt nur in den größ­ten Städ­ten des Os­ten­s auf.

3

Der Held der Ge­schich­te nimmt den Job an, weil er be­rühmt wer­den möch­te.

4

Der Held der Ge­schich­te hat das Ge­fühl, dass er dem Zir­kus­di­rek­tor nicht trau­en kann.

5

Der Mann er­fährt erst, was er tun muss, nach­dem er den Job an­ge­nom­men hat.

6

Der Zir­kus­di­rek­tor bie­tet dem Mann 100 Dol­lar pro Vor­stel­lung an.

7

Als der Löwe auf ihn zu­kommt, stellt er sich tot.

8

Der Zir­kus­di­rek­tor be­schreibt den Löwen als ein altes, dum­mes, fet­tes Tier.

9

Die Be­schrei­bung des Löwen durch den Zir­kus­di­rek­tor ent­spricht der Wahr­heit.

10

In die­ser Kurz­ge­schich­te kom­men viele in­di­rek­te Reden vor.

11

Der Mann lernt den Zir­kus­di­rek­tor auf einer ein­sa­men Land­stra­ße ken­nen.

Wahr oder falsch?
3
Be­ar­bei­te nun die fol­gen­den Ar­beits­auf­trä­ge in gan­zen Sät­zen in dei­nem Schul­ar­bei­ten­heft:
  • Kannst du aus dei­nem Leben Bei­spie­le nen­nen, in denen Men­schen vor­ge­ben, etwas zu sein, weil sie damit an­de­re be­ein­dru­cken wol­len? Denke an so­zia­le Netz­wer­ke im In­ter­net oder an Fern­seh­shows. Er­zäh­le über deine Er­fah­run­gen: (ca. 50 Wör­ter)
  • Nun fasse die Kurz­ge­schich­te in we­ni­gen Sät­zen zu­sam­men: (ca. 100 bis 150 Wör­ter)
  • Was möch­te der Auto der Kurz­ge­schich­te dei­ner Mei­nung nach mit die­ser Ge­schich­te aus­drü­cken: (ca. 50 Wör­ter)