• Die Bürgschaft (Friedrich Schiller)
  • SC
  • 30.06.2020
  • Sonstige
  • Deutsch
  • 9
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1

Die Bürg­schaft (Fried­rich Schil­ler)

Zu Dio­nys, dem Ty­ran­nen, schlich Damon, den Dolch im Ge­wan­de:

Ihn schlu­gen die Hä­scher in Bande,

»Was woll­test du mit dem Dol­che? sprich!«

Ent­geg­net ihm fins­ter der Wü­te­rich.

»Die Stadt vom Ty­ran­nen be­frei­en!«

»Das sollst du am Kreu­ze be­reu­en.«

»Ich bin«, spricht jener, »zu ster­ben be­reit

Und bitte nicht um mein Leben:

Doch willst du Gnade mir geben,

Ich flehe dich um drei Tage Zeit,

Bis ich die Schwes­ter dem Gat­ten ge­freit;

Ich lasse den Freund dir als Bür­gen,

Ihn magst du, ent­rinn' ich, er­wür­gen.«

Da lä­chelt der König mit arger List

Und spricht nach kur­zem Be­den­ken:

»Drei Tage will ich dir schen­ken;

Doch wisse, wenn sie ver­stri­chen, die Frist,

Eh' du zu­rück mir ge­ge­ben bist,

So muss er statt dei­ner er­blas­sen,

Doch dir ist die Stra­fe er­las­sen.«

Und er kommt zum Freun­de: »Der König ge­beut,

Dass ich am Kreuz mit dem Leben

Be­zah­le das fre­veln­de Stre­ben.

Doch will er mir gön­nen drei Tage Zeit,

Bis ich die Schwes­ter dem Gat­ten ge­freit; So bleib du dem König zum Pfan­de,

Bis ich komme zu lösen die Bande.«

Und schwei­gend um­armt ihn der treue Freund

Und lie­fert sich aus dem Ty­ran­nen;

Der an­de­re zie­het von dan­nen.

Und ehe das drit­te Mor­gen­rot scheint,

Hat er schnell mit dem Gat­ten die Schwes­ter ver­eint,

Eilt heim mit sor­gen­der Seele,

Damit er die Frist nicht ver­feh­le.

Da gießt un­end­li­cher Regen herab,

Von den Ber­gen stür­zen die Quel­len,

Und die Bäche, die Strö­me schwel­len.

Und er kommt ans Ufer mit wan­dern­dem Stab,

Da rei­ßet die Brü­cke der Stru­del herab,

Und don­nernd spren­gen die Wogen Dem Ge­wöl­bes kra­chen­den Bogen.

Und trost­los irrt er an Ufers Rand:

Wie weit er auch spä­het und bli­cket

Und die Stim­me, die ru­fen­de, schi­cket.

Da stö­ßet kein Na­chen vom si­chern Strand,

Der ihn setze an das ge­wünsch­te Land,

Kein Schif­fer len­ket die Fähre,

Und der wilde Strom wird zum Meere.

Fried­rich Schil­ler
Fried­rich Schil­ler
1

Zu Dio­nys, dem Ty­ran­nen, schlich Damon, den Dolch im Ge­wan­de:

Ihn schlu­gen die Hä­scher in Bande,

»Was woll­test du mit dem Dol­che? sprich!«

Ent­geg­net ihm fins­ter der Wü­te­rich.

»Die Stadt vom Ty­ran­nen be­frei­en!«

»Das sollst du am Kreu­ze be­reu­en.«

»Ich bin«, spricht jener, »zu ster­ben be­reit

Und bitte nicht um mein Leben:

Doch willst du Gnade mir geben,

Ich flehe dich um drei Tage Zeit,

Bis ich die Schwes­ter dem Gat­ten ge­freit;

Ich lasse den Freund dir als Bür­gen,

Ihn magst du, ent­rinn' ich, er­wür­gen.«

Da lä­chelt der König mit arger List

Und spricht nach kur­zem Be­den­ken:

»Drei Tage will ich dir schen­ken;

Doch wisse, wenn sie ver­stri­chen, die Frist,

Eh' du zu­rück mir ge­ge­ben bist,

So muss er statt dei­ner er­blas­sen,

Doch dir ist die Stra­fe er­las­sen.«

Und er kommt zum Freun­de: »Der König ge­beut,

Dass ich am Kreuz mit dem Leben

Be­zah­le das fre­veln­de Stre­ben.

Doch will er mir gön­nen drei Tage Zeit,

Bis ich die Schwes­ter dem Gat­ten ge­freit;

So bleib du dem König zum Pfan­de,

Bis ich komme zu lösen die Bande.«

Und schwei­gend um­armt ihn der treue Freund

Und lie­fert sich aus dem Ty­ran­nen;

Der an­de­re zie­het von dan­nen.

Und ehe das drit­te Mor­gen­rot scheint,

Hat er schnell mit dem Gat­ten die Schwes­ter ver­eint,

Eilt heim mit sor­gen­der Seele,

Damit er die Frist nicht ver­feh­le.

Da gießt un­end­li­cher Regen herab,

Von den Ber­gen stür­zen die Quel­len,

Und die Bäche, die Strö­me schwel­len.

Und er kommt ans Ufer mit wan­dern­dem Stab,

Da rei­ßet die Brü­cke der Stru­del hinab,

Und don­nernd spren­gen die Wogen

Dem Ge­wöl­bes kra­chen­den Bogen.

Und trost­los irrt er an Ufers Rand:

Wie weit er auch spä­het und bli­cket

Und die Stim­me, die ru­fen­de, schi­cket.

Da stö­ßet kein Na­chen vom si­chern Strand,

Der ihn setze an das ge­wünsch­te Land,

Kein Schif­fer len­ket die Fähre,

Und der wilde Strom wird zum Meere.

Fried­rich Schil­ler
Fried­rich Schil­ler
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2

Da sinkt er ans Ufer und weint und fleht,

Die Hände zum Zeus erhoben:

»O hemme des Stromes Toben!

Es eilen die Stunden, im Mittag steht Die Sonne, und wenn sie niedergeht

Und ich kann die Stadt nicht erreichen, So muss der Freund mir erbleichen.«

Doch wachsend erneut sich des Stromes Wut,

Und Welle auf Welle zerrinnet,

Und Stunde an Stunde ertrinnet.

Da treibt ihn die Angst, da fasst er sich Mut

Und wirft sich hinein in die brausende Flut

Und teilt mit gewaltigen Armen

Den Strom, und ein Gott hat Erbarmen.

Und gewinnt das Ufer und eilet fort

Und danket dem rettenden Gotte;

Da stürzet die raubende Rotte

Hervor aus des Waldes nächtlichem Ort,

Den Pfad ihm sperrend, und schnaubet Mord

Und hemmet des Wanderers Eile

Mit drohend geschwungener Keule.

»Was wollt ihr?« ruft er vor Schrecken bleich,

»Ich habe nichts als mein Leben,

Das muss ich dem Könige geben!«

Und entreißt die Keule dem nächsten gleich:

»Um des Freundes willen erbarmet euch!«

Und drei mit gewaltigen Streichen

Erlegt er, die andern entweichen.

Und die Sonne versendet glühenden Brand,

Und von der unendlichen Mühe

Ermattet sinken die Kniee.

»O hast du mich gnädig aus Räubershand,

Aus dem Strom mich gerettet ans heilige Land,

Und soll hier verschmachtend verderben,

Und der Freund mir, der liebende, sterben?«

Und horch! da sprudelt es silberhell,

Ganz nahe, wie rieselndes Rauschen,

Und stille hält er, zu lauschen;

Und sieh, aus dem Felsen, geschwätzig, schnell,

Springt murmelnd hervor ein lebendiger Quell,

Und freudig bückt er sich nieder

Und erfrischet die brennenden Glieder.

Und die Sonne blickt durch der Zweige Grün

Und malt auf den glänzenden Matten

Der Bäume gigantische Schatten;

Friedrich Schiller
Friedrich Schiller
3

Und zwei Wanderer sieht er die Straße ziehn,

Will eilenden Laufes vorüber fliehn,

Da hört er die Worte sie sagen: »Jetzt wird er ans Kreuz geschlagen.«

Und die Angst beflügelt den eilenden Fuß;

Ihn jagen der Sorge Qualen;

Da schimmern in Abendrots Strahlen

Von ferne die Zinnen von Syrakus,

Und entgegen kommt ihm Philostratus,

Des Hauses redlicher Hüter,

Der erkennet entsetzt den Gebieter:

»Zurück! du rettest den Freund nicht mehr,

So rette das eigene Leben!

Den Tod erleidet er eben.

Von Stunde zu Stunde gewartet' er

Mit hoffender Seele der Wiederkehr,

Ihm konnte den mutigen Glauben

Der Hohn des Tyrannen nicht rauben.«

»Und ist es zu spät, und kann ich ihm nicht,

Ein Retter, willkommen erscheinen,

So soll mich der Tod ihm vereinen.

Des rühme der blut'ge Tyrann sich nicht,

Dass der Freund dem Freunde gebrochen die Pflicht,

Er schlachte der Opfer zweie

Und glaube an Liebe und Treue!«

Und die Sonne geht unter, da steht er am Tor,

Und sieht das Kreuz schon erhöhet,

Das die Menge gaffend umstehet;

An dem Seile schon zieht man den Freund empor,

Da zertrennt er gewaltig den dichten Chor:

»Mich, Henker«, ruft er, »erwürget!

Da bin ich, für den er gebürget!«

Und Erstaunen ergreifet das Volk umher,

In den Armen liegen sich beide

Und weinen vor Schmerzen und Freude.

Da sieht man kein Augen tränenleer,

Und zum Könige bringt man die Wundermär';

Der fühlt ein menschliches Rühren,

Lässt schnell vor den Thron sie führen,

Und blicket sie lange verwundert an.

Drauf spricht er: »Es ist euch gelungen,

Ihr habt das Herz mir bezwungen;

Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn –

So nehmet auch mich zum Genossen an:

Ich sei, gewährt mir die Bitte,

In eurem Bunde der dritte!«

Friedrich Schiller
Friedrich Schiller

Ar­beits­auf­trä­ge:

1
Wel­che Merk­ma­le tref­fen auf die­sen Text zu?
  • Der Text reimt sich
  • Der Text er­zählt eine Ge­schich­te
  • Der Text be­steht aus vier Sei­ten
  • Der Text ent­hält dra­ma­ti­sche Si­tua­tio­nen
2
Ordne die Fachbegriffe der deutschen Beschreibung zu!
  • Lyrik
  • Epik
  • Dramatik
  • Erzählung
  • Gedicht
  • Spannung
3
Weißt du, wie man einen Text, der so­wohl die Merk­ma­le von Lyrik, Epik und Dra­ma­tik ent­hält, nennt?

Man nennt so einen Text eine .

4
Der Text von Fried­rich Schil­ler hat wel­ches zen­tra­les Thema zum In­halt?

Es geht vor allem um .

Hör­bei­spiel:

Wenn du den QR-​Code ein­scannst, ge­langst du zu einem Hör­bei­spiel!

5
Beschreibe auf einer leeren Seite in deinem Heft die Rolle des Wassers in dem Text Die Bürgschaft.
Wie wird es dargestellt? Welche Funktionen hat es?