• Inhaltsangabe - Übungsaufgabe "Moderne Nesthocker"
  • anonym
  • 30.06.2020
  • Weiterbildung
  • Deutsch
  • 9, 10, 1. Lehrjahr, 2. Lehrjahr, 3. Lehrjahr
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Mo­der­ne Nest­ho­cker

Gert Egle

"Wenn es bei uns in der Fa­mi­lie Kon­flik­te gab, ver­stand mein Vater wenig Spaß. Seine So-​lange-du–deine-​Füße-unter-meinen-Tisch-streckst-Formel ließ einem keine Wahl", sagt Sa­bi­ne Roth­feld (63), Mut­ter von 3 er­wach­se­nen Kin­dern, 2 davon gut ver­hei­ra­tet und schon lange außer Haus. Wenn sie dar­auf an­ge­spro­chen wird, wieso aus­ge­rech­net ihr äl­tes­ter Sohn Kai im Alter von 32 Jah­ren immer noch im El­tern­haus wohnt, klingt ihre Ant­wort fast ein wenig la­ko­nisch: "Frü­her war das halt an­ders", fährt sie fort, "da woll­te man ein­fach so schnell wie mög­lich von den El­tern weg." Sie er­in­nert sich noch genau an die Aus­ein­an­der­set­zun­gen, als ihr äl­te­rer Bru­der seine Haare auch so lange wach­sen las­sen woll­te, wie sein Idol, »John Len­non (1940-1980) von den »Beat­les. Das Macht­wort des Va­ters und das Ganze war vom Tisch. So­lan­ge bis ihr Bru­der in ihrer Hei­mat­stadt sein Stu­di­um be­gann. Da zog er "von den Alten" fort, in eine »Man­sar­de mit einem win­zi­gen Dach­fens­ter. Dort at­me­te er die Frei­heit, die seine Haare of­fen­kun­dig zum Wach­sen brauch­ten. Sa­bi­ne Roth­feld ist seit 9 Jah­ren Witwe. Was sie als Wit­wen­ren­te be­kommt, ist auch nicht ge­ra­de üppig. "Ich komme schon ir­gend­wie zu­recht", meint sie und fährt in einem Atem­zug fort: "Ich kann den Jun­gen doch nicht ein­fach hin­aus­wer­fen, wenn er mich noch braucht." Der Junge, ihr Sohn Kai, ist ein gut aus­se­hen­der jun­ger Mann, wirkt kör­per­lich ge­pflegt und be­sucht re­gel­mä­ßig das Fitness-​Studio. Kai hat nur als Ju­gend­li­cher ein­mal eine Freun­din ge­habt, mit der er fast fünf Jahre lang zu­sam­men war, da­nach mal so, mal so eben. "Ich ge­nie­ße mein Single-​Leben", sagt er und fügt hinzu: "Ich brau­che meine Frei­heit, die ist mir wich­ti­ger als alles an­de­re." Kai hat stu­diert, dabei das Ju­ra­stu­di­um im fer­nen Köln nach 4 Se­mes­tern ab­ge­bro­chen und ist dann nach dem Tod sei­nes Va­ters wie­der bei sei­ner Mut­ter ein­ge­zo­gen, um ein BWL-​Studium in sei­ner Hei­mat­stadt auf­zu­neh­men. Nach dem Ab­schluss sei­nes Stu­di­ums hat er Glück und fin­det auf An­hieb einen gut be­zahl­ten Job in einer 45 km ent­fern­ten Klein­stadt. Seit­dem pen­delt er jeden Mor­gen mit dem Zug hin und abends wie­der zu­rück, weil er sich, wie er meint, "das Leben ohne den Puls einer Groß­stadt" nicht vor­stel­len kann. Der Fall von Sa­bi­ne und Kai Roth­feld ist heut­zu­ta­ge nichts Au­ßer­ge­wöhn­li­ches mehr. Al­len­falls das Alter von Kai ist auch für die Grup­pe mo­der­ner Nest­ho­cker si­cher schon etwas weit fort­ge­schrit­ten. Nichts­des­to­trotz, wo eben in ver­gan­ge­ner Zeit die frühe Nest­flucht an­ge­sagt war, ist Nest­hocke­rei heute bei einem grö­ße­ren Teil der jun­gen Leute so­zia­le Rea­li­tät ge­wor­den. Alles Hof­fen der El­tern auf ihr "ei­ge­nes Leben" (vgl. Beck, Ei­ge­nes Leben 1995) nach den Kin­dern ist für viele um­sonst. Der Wenn-​die-Kinder-erst-mal-aus-dem-Haus-sind-Traum vie­ler El­tern? Längst ein »Trep­pen­witz... Vie­len, denen es geht wie Sa­bi­ne Roth­feld, wer­den von ihren Kin­dern auch ohne Not um ein Stück ihres "ei­ge­nen Le­bens" ge­bracht, wenn die Nest­ho­cker ohne jeden Skru­pel ihr ei­ge­nes Le­bens­pro­gramm durch­zie­hen. "Sie wol­len", wie es schon vor lan­ger Zeit ein­mal in einer Glos­se der Süd­deut­schen Zei­tung (Das Streif­licht, 27.8.1996) hieß, "in ihrer woh­li­gen Gleich­gül­tig­keit den El­tern nicht di­rekt das Leben ver­gäl­len, es läuft aber dar­auf hin­aus." Fragt man die jun­gen Leute zwi­schen 12 und 25 Jah­ren, die nicht mehr zur Schu­le gehen und noch bei ihrer Her­kunfts­fa­mi­lie woh­nen, da­nach, wes­halb sie das tun, wer­den vor allem drei Grün­de ge­nannt: 43% sagen, "dass es für alle am be­quems­ten ist". 46% geben an, dass sie "aus­zie­hen wür­den, wenn sie es sich fi­nan­zi­ell leis­ten könn­ten" und 2% sagen, sie zögen ja aus, wenn ihre El­tern sie nur lie­ßen. Die rest­li­chen 12% mei­nen, dass kei­ner der ge­nann­ten Grün­de zu­trä­fen. (16. Shell-​Jugendstudie 2010, (Leven u. a. 2010, S. 69) In­ter­es­sant auch, dass junge Frau­en zwi­schen 12 und 25 Jah­ren mit 69% deut­lich sel­te­ner noch bei ihren El­tern woh­nen als gleich­alt­ri­ge junge Män­ner (76%). (vgl. ebd., S. 68) Na­tür­lich nimmt die Ge­samt­zahl der Ju­gend­li­chen, wel­chen die Vor­zü­ge des "Hotel Mama" zu­teil wer­den, mit den Jah­ren ab. Bis 18 wohnt man oh­ne­hin zu Hause. Aber auch im Alter von 18 bis 21 Jah­ren woh­nen noch 77% aller Ju­gend­li­chen im el­ter­li­chen Haus­halt, und auch bei den 22- bis 25-​Jährigen leben noch 38% bei den El­tern bzw. in ihrer Her­kunfts­fa­mi­lie (vgl. ebd., S. 69) Im All­ge­mei­nen wis­sen die jun­gen Leute, die län­ger als ge­mein­hin üb­lich zu Hause woh­nen blei­ben, den Ser­vice, der ihnen im "Hotel Mama" ge­bo­ten wird (Ca­te­ring zu jeder x-​beliebigen Ta­ges­zeit, Wäsche-​ und Bü­gel­ser­vice nach Be­darf und psy­cho­lo­gi­sche





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"Wenn es bei uns in der Fa­mi­lie Kon­flik­te gab, ver­stand mein Vater wenig Spaß. Seine So-​lange-du–deine-​Füße-unter-meinen-Tisch-streckst-Formel ließ einem keine Wahl", sagt Sa­bi­ne Roth­feld (63), Mut­ter von 3 er­wach­se­nen Kin­dern, 2 davon gut ver­hei­ra­tet und schon lange außer Haus. Wenn sie dar­auf an­ge­spro­chen wird, wieso aus­ge­rech­net ihr äl­tes­ter Sohn Kai im Alter von 32 Jah­ren immer noch im El­tern­haus wohnt, klingt ihre Ant­wort fast ein wenig la­ko­nisch: "Frü­her war das halt an­ders", fährt sie fort, "da woll­te man ein­fach so schnell wie mög­lich von den El­tern weg." Sie er­in­nert sich noch genau an die Aus­ein­an­der­set­zun­gen, als ihr äl­te­rer Bru­der seine Haare auch so lange wach­sen las­sen woll­te, wie sein Idol, »John Len­non (1940-1980) von den »Beat­les. Das Macht­wort des Va­ters und das Ganze war vom Tisch. So­lan­ge bis ihr Bru­der in ihrer Hei­mat­stadt sein Stu­di­um be­gann. Da zog er "von den Alten" fort, in eine »Man­sar­de mit einem win­zi­gen Dach­fens­ter. Dort at­me­te er die Frei­heit, die seine Haare of­fen­kun­dig zum Wach­sen brauch­ten. Sa­bi­ne Roth­feld ist seit 9 Jah­ren Witwe. Was sie als Wit­wen­ren­te be­kommt, ist auch nicht ge­ra­de üppig. "Ich komme schon ir­gend­wie zu­recht", meint sie und fährt in einem Atem­zug fort: "Ich kann den Jun­gen doch nicht ein­fach hin­aus­wer­fen, wenn er mich noch braucht." Der Junge, ihr Sohn Kai, ist ein gut aus­se­hen­der jun­ger Mann, wirkt kör­per­lich ge­pflegt und be­sucht re­gel­mä­ßig das Fitness-​Studio. Kai hat nur als Ju­gend­li­cher ein­mal eine Freun­din ge­habt, mit der er fast fünf Jahre lang zu­sam­men war, da­nach mal so, mal so eben. "Ich ge­nie­ße mein Single-​Leben", sagt er und fügt hinzu: "Ich brau­che meine Frei­heit, die ist mir wich­ti­ger als alles an­de­re." Kai hat stu­diert, dabei das Ju­ra­stu­di­um im fer­nen Köln nach 4 Se­mes­tern ab­ge­bro­chen und ist dann nach dem Tod sei­nes Va­ters wie­der bei sei­ner Mut­ter ein­ge­zo­gen, um ein BWL-​Studium in sei­ner Hei­mat­stadt auf­zu­neh­men. Nach dem Ab­schluss sei­nes Stu­di­ums hat er Glück und fin­det auf An­hieb einen gut be­zahl­ten Job in einer 45 km ent­fern­ten Klein­stadt. Seit­dem pen­delt er jeden Mor­gen mit dem Zug hin und abends wie­der zu­rück, weil er sich, wie er meint, "das Leben ohne den Puls einer Groß­stadt" nicht vor­stel­len kann. Der Fall von Sa­bi­ne und Kai Roth­feld ist heut­zu­ta­ge nichts Au­ßer­ge­wöhn­li­ches mehr. Al­len­falls das Alter von Kai ist auch für die Grup­pe mo­der­ner Nest­ho­cker si­cher schon etwas weit fort­ge­schrit­ten. Nichts­des­to­trotz, wo eben in ver­gan­ge­ner Zeit die frühe Nest­flucht an­ge­sagt war, ist Nest­hocke­rei heute bei einem grö­ße­ren Teil der jun­gen Leute so­zia­le Rea­li­tät ge­wor­den. Alles Hof­fen der El­tern auf ihr "ei­ge­nes Leben" (vgl. Beck, Ei­ge­nes Leben 1995) nach den Kin­dern ist für viele um­sonst. Der Wenn-​die-Kinder-erst-mal-aus-dem-Haus-sind-Traum vie­ler El­tern? Längst ein »Trep­pen­witz... Vie­len, denen es geht wie Sa­bi­ne Roth­feld, wer­den von ihren Kin­dern auch ohne Not um ein Stück ihres "ei­ge­nen Le­bens" ge­bracht, wenn die Nest­ho­cker ohne jeden Skru­pel ihr ei­ge­nes Le­bens­pro­gramm durch­zie­hen. "Sie wol­len", wie es schon vor lan­ger Zeit ein­mal in einer Glos­se der Süd­deut­schen Zei­tung (Das Streif­licht, 27.8.1996) hieß, "in ihrer woh­li­gen Gleich­gül­tig­keit den El­tern nicht di­rekt das Leben ver­gäl­len, es läuft aber dar­auf hin­aus." Fragt man die jun­gen Leute zwi­schen 12 und 25 Jah­ren, die nicht mehr zur Schu­le gehen und noch bei ihrer Her­kunfts­fa­mi­lie woh­nen, da­nach, wes­halb sie das tun, wer­den vor allem drei Grün­de ge­nannt: 43% sagen, "dass es für alle am be­quems­ten ist". 46% geben an, dass sie "aus­zie­hen wür­den, wenn sie es sich fi­nan­zi­ell leis­ten könn­ten" und 2% sagen, sie zögen ja aus, wenn ihre El­tern sie nur lie­ßen. Die rest­li­chen 12% mei­nen, dass kei­ner der ge­nann­ten Grün­de zu­trä­fen. (16. Shell-​Jugendstudie 2010, (Leven u. a. 2010, S. 69) In­ter­es­sant auch, dass junge Frau­en zwi­schen 12 und 25 Jah­ren mit 69% deut­lich sel­te­ner noch bei ihren El­tern woh­nen als gleich­alt­ri­ge junge Män­ner (76%). (vgl. ebd., S. 68) Na­tür­lich nimmt die Ge­samt­zahl der Ju­gend­li­chen, wel­chen die Vor­zü­ge des "Hotel Mama" zu­teil wer­den, mit den Jah­ren ab. Bis 18 wohnt man oh­ne­hin zu Hause. Aber auch im Alter von 18 bis 21 Jah­ren woh­nen noch 77% aller Ju­gend­li­chen im el­ter­li­chen Haus­halt, und auch bei den 22- bis 25-​Jährigen leben noch 38% bei den El­tern bzw. in ihrer Her­kunfts­fa­mi­lie (vgl. ebd., S. 69) Im All­ge­mei­nen wis­sen die jun­gen Leute, die län­ger als ge­mein­hin üb­lich zu Hause woh­nen blei­ben, den Ser­vice, der ihnen im "Hotel Mama" ge­bo­ten wird (Ca­te­ring zu jeder x-​beliebigen Ta­ges­zeit, Wäsche-​ und Bü­gel­ser­vice nach Be­darf und psy­cho­lo­gi­sche

Be­treu­ung rund um die Uhr) schon zu schät­zen. "Meine Mama", sagt Kai denn auch, "ist wirk­lich die beste Mama, die es gibt." Dabei zwin­kert er sei­ner Mut­ter zu, die ihre Freu­de über so viel Lob durch ihren Sohn kaum ver­ber­gen kann. Es zeigt sich im Klei­nen, was in groß­an­ge­leg­ten Stu­di­en un­ter­mau­ert ist: Die jun­gen Leute von heute "ver­ste­hen sich gut bis her­vor­ra­gend mit ihren El­tern" (Al­bert u. a. 2010, S. 43) Na­tür­lich könn­te Sa­bi­ne Roth­feld, die von ihren bei­den an­de­ren Kin­dern immer wie­der zu hören be­kommt, sie solle ein­fach einen Mö­bel­wa­gen für Kai be­stel­len, eine Menge Rat­schlä­ge zur Lö­sung ihres Pro­blems be­fol­gen. So wird in der in­zwi­schen zahl­rei­chen Rat­ge­ber­li­te­ra­tur auch mal der Tipp ge­ge­ben, sich als be­trof­fe­ner Vater oder Mut­ter für eine Weile lang in der hei­mi­schen Öf­fent­lich­keit, z. B. beim Ein­kau­fen, so "pein­lich" an­zu­zie­hen, dass der Nest­ho­cker vor lau­ter Scham Reiß­aus nimmt. Aber wie ris­kant sol­che Un­ter­neh­men sein kön­nen, hat der Autor der schon er­wähn­ten Glos­se, mit sei­ner Iro­nie treff­lich ana­ly­siert: "Lau­tes Ab­spie­len von »BAP oder »Kas­tel­ru­ther Spat­zen, de­mons­tra­ti­ver Zoff oder ver­lieb­tes Se­nio­ren­ge­tur­tel zwi­schen Vater und Mut­ter, ner­ven­de Für­sor­ge für die mit ins Nest ge­zo­ge­ne Freun­din: Den hart ge­sot­te­nen Nest­ho­cker be­kommt man kaum aus dem Haus." Und wenn es doch klappt, steht unter Um­stän­den hand­fes­ter Zwist zwi­schen den El­tern ins Haus, deren Ehe­kri­se mit den Wor­ten be­ginnt: "Du Ra­ben­va­ter/-​mutter, jetzt hast du un­se­ren Jun­gen end­gül­tig weg­ge­ekelt." Meis­tens frei­lich zeich­net die Rea­li­tät ein an­de­res Bild. "Ab­lö­sung und Bin­dung" ist eine Ent­wick­lungs­auf­ga­be (Hur­rel­mann 2010, S.27), deren Be­wäl­ti­gung den "Umbau der so­zia­len Be­zie­hun­gen", wie es der Ent­wick­lungs­psy­cho­lo­ge Hel­mut Fend (2003, S.269ff.) nennt, ver­langt. Doch die­ser Pro­zess voll­zieht sich heute eben an­ders als frü­her. Was Sa­bi­ne Roth­felds Bru­der noch in einem hef­ti­gen Kon­flikt mit sei­nen El­tern durch­ma­chen muss­te, ist näm­lich "schon seit lan­gem nicht mehr prä­gend für die Her­an­wach­sen­den in Deutsch­land" (Leven u. a. 2010, S. 63) Der ganze Ab­lö­sungs­pro­zess von den El­tern stellt sich heute eben meist als Er­geb­nis einer von El­tern und Ju­gend­li­chen ge­plan­ten und aus­ge­han­del­ten Sache dar. (vgl. ebd.) Und na­tür­lich un­ter­liegt das Aus­zugs­al­ter aus dem El­tern­haus, das be­to­nen die For­scher immer wie­der, auch einem so­zia­len Wan­del. Die­ser hat dazu ge­führt, dass Ju­gend­li­che in In­dus­trie­län­dern heute so spät wie nie zuvor das Nest ihrer Her­kunfts­fa­mi­lie ver­las­sen. (vgl. ebd., S. 67, vgl. Narve-​Herz-Sander 1998) Eine "nor­ma­le" Ab­lö­sung vom El­tern­haus muss sich heut­zu­ta­ge mit dem Ein­ver­ständ­nis aller Be­tei­lig­ten voll­zie­hen. Sie ist ein Vor­gang, der in­zwi­schen län­ger dau­ert und sich in meh­re­ren Schrit­ten voll­zieht: Dazu ge­hört, dass man aus der el­ter­li­chen Woh­nung aus­zieht, sei­nen Le­bens­un­ter­halt ganz oder zu­min­dest über­wie­gend selbst be­strei­tet. Dazu ge­hört aber auch, dass Her­an­wach­sen­de ihre Frei­zeit un­ab­hän­gig von den El­tern ge­stal­ten, ei­ge­ne, neue Freun­de fin­den, nach ei­ge­nen Nor­men und Be­zie­hungs­sys­te­men leben und letz­ten Endes auch die Kon­tak­te zu den ei­ge­nen El­tern ver­rin­gern. (vgl. Koch 1991, S.56 f.) Damit das ge­lin­gen kann, sind El­tern und Kin­der glei­cher­ma­ßen ge­for­dert und soll­ten vor allem eines ver­mei­den: Sich, wo es nur geht, ge­gen­sei­tig "Psycho-​Fallen" auf­zu­stel­len, um den je­weils an­de­ren hin­ein­zu­lo­cken. Ge­sell­schaft­li­che Grün­de, warum junge Leute heute ins­ge­samt län­ger bei ihren El­tern woh­nen (müs­sen), gibt es näm­lich wirk­lich genug.





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Be­treu­ung rund um die Uhr) schon zu schät­zen. "Meine Mama", sagt Kai denn auch, "ist wirk­lich die beste Mama, die es gibt." Dabei zwin­kert er sei­ner Mut­ter zu, die ihre Freu­de über so viel Lob durch ihren Sohn kaum ver­ber­gen kann. Es zeigt sich im Klei­nen, was in groß­an­ge­leg­ten Stu­di­en un­ter­mau­ert ist: Die jun­gen Leute von heute "ver­ste­hen sich gut bis her­vor­ra­gend mit ihren El­tern" (Al­bert u. a. 2010, S. 43) Na­tür­lich könn­te Sa­bi­ne Roth­feld, die von ihren bei­den an­de­ren Kin­dern immer wie­der zu hören be­kommt, sie solle ein­fach einen Mö­bel­wa­gen für Kai be­stel­len, eine Menge Rat­schlä­ge zur Lö­sung ihres Pro­blems be­fol­gen. So wird in der in­zwi­schen zahl­rei­chen Rat­ge­ber­li­te­ra­tur auch mal der Tipp ge­ge­ben, sich als be­trof­fe­ner Vater oder Mut­ter für eine Weile lang in der hei­mi­schen Öf­fent­lich­keit, z. B. beim Ein­kau­fen, so "pein­lich" an­zu­zie­hen, dass der Nest­ho­cker vor lau­ter Scham Reiß­aus nimmt. Aber wie ris­kant sol­che Un­ter­neh­men sein kön­nen, hat der Autor der schon er­wähn­ten Glos­se, mit sei­ner Iro­nie treff­lich ana­ly­siert: "Lau­tes Ab­spie­len von »BAP oder »Kas­tel­ru­ther Spat­zen, de­mons­tra­ti­ver Zoff oder ver­lieb­tes Se­nio­ren­ge­tur­tel zwi­schen Vater und Mut­ter, ner­ven­de Für­sor­ge für die mit ins Nest ge­zo­ge­ne Freun­din: Den hart ge­sot­te­nen Nest­ho­cker be­kommt man kaum aus dem Haus." Und wenn es doch klappt, steht unter Um­stän­den hand­fes­ter Zwist zwi­schen den El­tern ins Haus, deren Ehe­kri­se mit den Wor­ten be­ginnt: "Du Ra­ben­va­ter/-​mutter, jetzt hast du un­se­ren Jun­gen end­gül­tig weg­ge­ekelt." Meis­tens frei­lich zeich­net die Rea­li­tät ein an­de­res Bild. "Ab­lö­sung und Bin­dung" ist eine Ent­wick­lungs­auf­ga­be (Hur­rel­mann 2010, S.27), deren Be­wäl­ti­gung den "Umbau der so­zia­len Be­zie­hun­gen", wie es der Ent­wick­lungs­psy­cho­lo­ge Hel­mut Fend (2003, S.269ff.) nennt, ver­langt. Doch die­ser Pro­zess voll­zieht sich heute eben an­ders als frü­her. Was Sa­bi­ne Roth­felds Bru­der noch in einem hef­ti­gen Kon­flikt mit sei­nen El­tern durch­ma­chen muss­te, ist näm­lich "schon seit lan­gem nicht mehr prä­gend für die Her­an­wach­sen­den in Deutsch­land" (Leven u. a. 2010, S. 63) Der ganze Ab­lö­sungs­pro­zess von den El­tern stellt sich heute eben meist als Er­geb­nis einer von El­tern und Ju­gend­li­chen ge­plan­ten und aus­ge­han­del­ten Sache dar. (vgl. ebd.) Und na­tür­lich un­ter­liegt das Aus­zugs­al­ter aus dem El­tern­haus, das be­to­nen die For­scher immer wie­der, auch einem so­zia­len Wan­del. Die­ser hat dazu ge­führt, dass Ju­gend­li­che in In­dus­trie­län­dern heute so spät wie nie zuvor das Nest ihrer Her­kunfts­fa­mi­lie ver­las­sen. (vgl. ebd., S. 67, vgl. Narve-​Herz-Sander 1998) Eine "nor­ma­le" Ab­lö­sung vom El­tern­haus muss sich heut­zu­ta­ge mit dem Ein­ver­ständ­nis aller Be­tei­lig­ten voll­zie­hen. Sie ist ein Vor­gang, der in­zwi­schen län­ger dau­ert und sich in meh­re­ren Schrit­ten voll­zieht: Dazu ge­hört, dass man aus der el­ter­li­chen Woh­nung aus­zieht, sei­nen Le­bens­un­ter­halt ganz oder zu­min­dest über­wie­gend selbst be­strei­tet. Dazu ge­hört aber auch, dass Her­an­wach­sen­de ihre Frei­zeit un­ab­hän­gig von den El­tern ge­stal­ten, ei­ge­ne, neue Freun­de fin­den, nach ei­ge­nen Nor­men und Be­zie­hungs­sys­te­men leben und letz­ten Endes auch die Kon­tak­te zu den ei­ge­nen El­tern ver­rin­gern. (vgl. Koch 1991, S.56 f.) Damit das ge­lin­gen kann, sind El­tern und Kin­der glei­cher­ma­ßen ge­for­dert und soll­ten vor allem eines ver­mei­den: Sich, wo es nur geht, ge­gen­sei­tig "Psycho-​Fallen" auf­zu­stel­len, um den je­weils an­de­ren hin­ein­zu­lo­cken. Ge­sell­schaft­li­che Grün­de, warum junge Leute heute ins­ge­samt län­ger bei ihren El­tern woh­nen (müs­sen), gibt es näm­lich wirk­lich genug.

(aus: Würt­tem­ber­gi­scher Ku­rier, 13.2.2014)*

*Er­schei­nungs­ort und -​datum frei er­fun­den

Ar­beits­an­re­gung

Ver­fas­sen Sie eine In­halts­an­ga­be.

  1. Un­ter­strei­chen Sie dazu im Text die wich­tigs­ten Kern­be­grif­fe.

  2. Schrei­ben Sie diese Kern­be­grif­fe (keine voll­stän­di­gen gram­ma­ti­schen Kon­struk­tio­nen!) aus dem Text her­aus.

  3. Fas­sen Sie mit Hilfe der her­aus­ge­schrie­be­nen Kern­be­grif­fe den In­halt des Tex­tes zu­sam­men.

al­ter­na­tiv:

  • Geben Sie Ihre Liste mit den her­aus­ge­schrie­be­nen Kern­be­grif­fen und Text­aus­zü­gen ihrem Nach­barn. Die­ser ver­sucht auf ihrer Grund­la­ge den Text­in­halt wie­der­zu­ge­ben.

  • Stel­len Sie in kur­zen Rol­len­spie­len fol­gen­de Si­tua­tio­nen dar: a) Ge­spräch zwi­schen der Mut­ter und ihrem voll­jäh­ri­gen Sohn über das Aus­zie­hen aus der el­ter­li­chen Woh­nung. b) Ge­spräch mit der Cli­que über Vor- und Nach­tei­le des Le­bens im el­ter­li­chen Haus­halt.

Haupt­the­ma - so oder so?

Zu dem Text „Mo­der­ne Nest­ho­cker“ haben Schü­le­rin­nen und Schü­ler fol­gen­de Vor­schlä­ge für die Fest­le­gung des (Haupt-​)The­mas ge­macht:

Ar­beits­an­re­gun­gen

  1. Ent­schei­den Sie sich für eines der auf­ge­führ­ten The­men und be­grün­den Sie Ihre An­sicht auch unter Be­rück­sich­ti­gung der Dar­stel­lung des ne­ben­ste­hen­den Schau­bil­des.

  2. Tra­gen Sie ggf. Ihre ei­ge­ne Vor­stel­lung über das Haupt­the­ma in das freie Feld ein.

Was ist das Haupt­the­ma des Tex­tes?

Was das Haupt­the­ma in dem Text „Mo­der­ne Nest­ho­cker“ ist und wie man es for­mu­lie­ren könn­te, ist mit dem Titel, der ja bild­haft mehr­deu­tig ist, nicht ex­pli­zit aus­ge­drückt. In drn nach­fol­gen­den Fel­dern der Ta­bel­le kön­nen Sie - al­lein oder in der Klein­grup­pe -​Vorschläge für die Fest­le­gung des (Haupt-​)The­mas ma­chen:

Ar­beits­an­re­gun­gen

  1. Tra­gen Sie in die Fel­der ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten zur For­mu­lie­rung des Haupt­the­mas des Tex­tes ein.

  2. Ent­schei­den Sie sich dann für eine Va­ri­an­te und be­grün­den Sie Ihre An­sicht.

Aus­sa­ge­kern - so oder so?

Zu dem Text "Mo­der­ne Nest­ho­cker" von Gert Egle haben drei Schü­le­rin­nen und Schü­ler die fol­gen­den Aus­sa­ge­ker­ne ver­fasst.

1

Kers­tin:

In dem Text "Mo­der­ne Nest­ho­cker" von Gert Egle aus dem Ku­rier geht es um ju­gend­li­che Nest­ho­cker, die ihr "Hotel Mama" ein­fach nicht ver­las­sen wol­len. Ein ty­pi­sches Bei­spiel ist Kai, der schon über drei­ßig ist und noch immer bei sei­ner Mut­ter wohnt.

2

Fre­de­ric:

In dem Text "Mo­der­ne Nest­ho­cker" von Gert Egle, der vor ein paar Jah­ren im Würt­tem­ber­gi­schen Ku­rier ge­druckt wurde, geht es um Nest­ho­cker, die län­ger als nötig bei ihren El­tern leben.Sa­bi­ne Roth­feld, eine ver­wit­we­te Frau im Alter von 63 Jah­ren, wohnt mit ihrem Sohn Kai zu­sam­men, der schon 32 Jahre alt ist. Ihre bei­den an­de­ren Kin­der sind ver­hei­ra­tet und schon außer Haus.

3

Ca­ro­li­ne:

In der Ge­schich­te "Mo­der­ne Nest­ho­cker" wird von Gert Egle er­zählt, wie Kin­der heute die Le­bens­pla­nung ihrer El­tern für das hö­he­re Alter ka­putt­ma­chen kön­nen. Ein ty­pi­sches Bei­spiel ist der gut­be­zahl­te, 32 Jahre alte Kai, der sich immer noch von sei­ner Mut­ter im ei­ge­nen El­tern­haus ver­sor­gen lässt. Es geht also um die Spät­fol­gen von Ver­wöh­nung für Mut­ter und Kind.

Ar­beits­an­re­gun­gen

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