• Handreichung - Deutsch-Deutsche Beziehungen nach 1945
  • FreyaHeun
  • 27.01.2021
  • Geschichte
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  • Deutsch-Deutsche Beziehungen nach 1945 - Entfremdung, Annäherung und Einheit

    Handreichung für Lehrkräfte

    M1: Grenzverlauf BRD und DDR (1949-1990)
    CC-BY-SA 3.0, https://t1p.de/kd0b

  • Kurzbeschreibung

    Klassenstufe 10,
    Gymnasium
    (Sachsen)

    Innerdeutsche Beziehungen nach 1945

    3 x
    45 Minuten

    Das vorliegende Lernmaterial wurde für die 10. Klassenstufe des sächsichen Gymnasiums konzipiert. In der 135-minütigen Lehr-/Lern-Einheit (3 Ustd.) lernen die Schüler*innen die Innerdeutschen Beziehungen nach 1945 kennen. Die Thematik wird in drei thematische Blöcke untergliedert: Entfremdung, Entspannung sowie Einheit. Das Material liegt in zwei differenzierten Anforderungsniveaus vor.
    Zur Informationsbeschaffung und Sachanalyse nutzt das Lernmaterial verschiedene Materialien und digitale Tools wie etwa einen Onlineartikel, eine Textquelle, zwei spezifisch für das Material konzipierte Erklärvideos zur Recherche in einem digitalen Dokumenten- und Zeitzeugenkatalog (M2 und M3) sowie Zeitzeugenberichte. Ebenso vielfältig sind die für das Lernpaket konzipierten Aufgabensets, die beispielsweise einen Lückentext oder die Arbeit mit einem digitalen Schaubild beinhalten. Darüber hinaus werden die Schüler*innen dazu angeregt, ein Zitat zu bewerten sowie die Ost- und Westperspektive in Bezug auf den Mauerfall zu erschließen. Zum Abschluss sollen die Schüler*innen selbst ein Zeitzeugeninterview durchführen.
    Als Leistungsüberprüfung wird die Konzeption und der Vortrag einer Rede anlässlich einer Feier zur 30-jährigen Wiedervereinigung" vorgeschlagen, in der die Schüler*innen die deutsche Wiedervereinigung und ihre Nachwirkungen aus heutiger Sicht beurteilen sollen. Die Sonstige Leistung knüpft direkt an eine Aufgabenstellung des Lernmaterials an, in welcher die Schüler*innen ein Denkmal anlässlich einer Feier zur 30-jährigen Wiedervereinigung entwerfen sollen.

    M2: Erklärvideo German History Docs
    Kurzlink

    Q1: Menschen bejubeln Fall der Berliner Mauer 1989
    CC-BY-SA 3.0, https://t1p.de/42hk

    M3: Erklärvideo Zeitzeugenportal
    Kurzlink

    Q2: Annäherung der Regierungschefs, Willi Stoph (links) und Willy Brandt (rechts) in Erfurt 1970
    CC-BY-SA 3.0, https://t1p.de/mvd8

  • Lehrplanverortung

    Das vorliegende Lernmaterial kann im sächsischen gymnasialen Lehrplan für das Fach Geschichte in den "Lernbereich 2 „Der Ost-West-Konflikt - Ursachen und Auswirkungen für Deutschland“ (Sächsisches Staatsministerium für Kultus (Hrsg.) 2019, S. 28) der 10. Klassenstufe verortet werden.

    Insbesondere das Kennenlernen "wesentlicher Entwicklungen in den Beziehungen zwischen beiden deutschen Staaten zwischen Konfrontation und Verständigung" (Ebd., S. 29) steht dabei im Fokus.

    Damit die Schüler*innen zu der Erkenntnis gelangen, dass Deutschland als Front des Kalten Krieges zu betrachten war, eignen sich die Lernenden Wissen über zentrale Ereignisse nach 1945 in den zwei deutschen  Staaten an. Die Schüler*innen ergründen ferner auch den spezifischen Charakteristika der beiden deutschen Staaten (Vgl. Ebd., S. 27 ff.).

    Den jeweiligen spezifischen Charakter von BRD und DDR erschließen die Schüler*/innen, indem sie die politischen, militärischen und ökonomischen Spezifika der Staaten kennenlernen (Vgl. Ebd., S. 28): Diese umfassen die "Gründung der beiden deutschen Staaten" (Ebd., S. 28), die "Selbstdarstellung und Fremdwahrnehmung" (Ebd., S. 29), die "Sozial- und Wirtschaftspolitik" (Ebd., S. 29) sowie den "Umgang mit Andersdenkenden" (Ebd., S. 29).

    Zentrale Aspekte mit welchen sich die Schüler*innen dabei beschäftigen sind der "Alleinvertretungsanspruch, [die] Zwei-Staaten-Theorie, [der] [...] Mauerbau, [...] Entspannung [und] Abgrenzung [...][sowie die] Maueröffnung 1989" (Ebd., S. 29).

    Die Nachwirkungen der so entstandenen differenten Alltagserfahrungen von Bürger*innen aus Ost- und Westdeutschland sollen die Schüler*innen methodisch anhand von Zeitzeugenbefragungen beurteilen (Vgl. Ebd, S. 30), indem sie die gegensätzlichen Gesellschaftssysteme im geteilten Deutschland miteinander vergleichen (Vgl. Ebd., S. 27). Die Schüler*innen sollen "den Einigungsprozess 1989/90 als Lösung der Deutschen Frage und Teil der europäischen Einigung begreifen" (Ebd., S. 27), jedoch auch die Erkenntnis gewinnen, dass die Nachwirkungen der staatlichen Teilung bis heute spürbar sind (Vgl. Ebd., S. 27).

    Auf diese Weise begreifen die Schüler*innen, dass Politik - beispielsweise durch die Prägung von Feindbildern oder durch die Äußerung spezifischer Wirtschafts- und Machtinteressen - Spannungsherde schaffen kann, aber dass diese auch durch die Politik beseitigt werden können (Vgl. Ebd., S. 27). Die Schüler*innen "[e]ntwickeln [ein] Verständni[s] für zeittypische Bedingungen und für Veränderungsprozesse auf der Grundlage historischen Wissens" (Ebd., S. 2).

    Des Weiteren schulen die Schüler*innen im mehrperspektivischen Umgang mit historischen Phänomenen (Vgl. Ebd., S. VIII) die Empathiefähigkeit und die Fähigkeit zum Perspektivwechsel (Vgl. Ebd., S. VIII). Diese Kompetenzen können sie dazu befähigen, in Urteilsprozessen in Bezug historischer Sachverhalte (Vgl. Ebd., S. 2) "differenziert Stellung zu beziehen und die eigene Meinung sachgerecht zu begründen" (Ebd., S. VIII)

    Beim Umgang mit  Zeitzeugenberichten beziehungsweise mit digitalen Medien (Vgl., S. 27) - wie bspw. bei der Analyse von Filmdokumenten (Vgl. Ebd., S. 27) - lernen sie, diese für das eigene Lernen zu nutzen (Vgl. Ebd., S. VIII). Dabei eignen sie sich Techniken der Beschaffung, Überprüfung, Verarbeitung und Aufbereitung von Informationen - wie beispielsweise Lese-, Schreib-, Recherche-, Strukturierungs- Visualisierungs- sowie Präsentationstechniken - an (Vgl. Ebd., S. XII). Auf diese Weise entwickeln sie Fähigkeiten, moderne Informations- und Kommunikationstechnologien sicher, sachgerecht, situativ-zweckmäßig und verantwortungsbewusst zu nutzen (Vgl. Ebd., S. VIII).

    Literaturhinweis

    Sächsisches Staatsministerium für Kultus (Hrsg.), Lehrplan Gymnasium. Geschichte, Dresden 2019, Verfügbar unter: https://t1p.de/xanj.

  • Mögliche Lernbereichsplanung
    LB 2: Der Ost-West-Konflikt - Ursachen und Auswirkungen für Deutschland (22 Ustd.)

    Zur Orientierung über eine mögliche Integration des Lernmaterials dient folgende tabellarische Lernbereichsplanung:

    Stunde

    Thema/Inhalt

    methodischer Schwerpunkt

    1+2

    Stunde Null - Aus Verbündeten werden Gegner

    Podiumsdiskussion (Erzengelmethode)

    3

    Gründung der beiden deutschen Staaten

    Verfassungsvergleich

    4 + 5

    Ära Ulbricht: Aufbau des Sozialismus nach sowjetischem Vorbild

    Stationsarbeit (Wirtschaft, Politik, Gesellschaft)

    6 + 7

    Der Mauerbau - Besiegelung der deutschen Teilung

    Arbeitsblatt Auftrag 1

    8 + 9

    Ära Honecker: Zwischen Entspannung und Abgrenzung

    politische Karikatur
    Leistungskontrolle DDR und Mauerbau

    10 + 11

    Ära Adenauer: Aufschwung durch Westintegration

    Statistik Bundeskanzlerwahl

    12 + 13

    Wandel durch Annäherung - neue Ostpolitik

    Quellenarbeit - Vertragstexte

    14 + 15

    Ära Schmidt/Kohl: Zwischen Krisen und Einheitsgedanken

    Ton-und Filmdokumente (Prager Botschaft)

    16 +17

    Im Spannungsfeld von Demokratie und Diktatur - Der demokratische Anspruch der DDR

    Systemvergleich BRD, DDR, NS

    18 + 19 + 20


    Deutsch-Deutsche Beziehungen nach 1945 - Entfremdung, Annäherung und Einheit

    Arbeit mit Zeitzeugenberichten

    21+22

    Auf den Spuren der deutschen Teilung in Leipzig

    Stadtrundgang


    T1: Lernbereichsplanung LB 2, Klasse 10, Gymnasium
  • Sachanalyse

    Die Potsdamer Konferenz setzte den Grundstein für die Entwicklung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg, denn die Aufteilung Berlins in vier Besatzungszonen unter den Siegermächten zeigte auf, dass eine gemeinsame Politik - vor allem aufgrund der Uneinigkeiten mit der Sowjetunion - nicht möglich war.

    So konnte nach Gründung der beiden deutschen Staaten 1949 trotz verschiedener Annäherungsversuche in Gesprächen, Wahlen oder bei der Genfer Gipfelkonferenz 1955 keine Lösung für die Deutsche Frage gefunden werden. Im Nachgang der ersten Berlinkrise 1948/49, bei welcher die Sowjetischen Besatzungstruppen die Zufahrtswege nach Westberlin sperrten, verfolgten die zwei Staaten des geteilten Deutschlands unterschiedliche Ziele. Das geteilte Deutschland erwuchs zu einer der zentralen Fronten im Kalten Krieg zwischen der USA und der Sowjetunion.

    So strebte der „freie Westen“ unter Konrad Adenauer infolge der Pariser Verträge - und unter dem Einfluss der USA - nach Souveränität und der Wiedervereinigung. Die BRD vertrat jedoch einen „Alleinvertretungsanspruch“: Aufgrund der frei gewählten Regierung sah sich der neugegründete Staat als alleiniger Nachfolgestaat und als alleinige Vertretung des Deutschen Reiches, welcher die SED in Anbetracht der Hallstein-Doktrin ablehnte.

    Die SED baute unter Walter Ulbricht einen "kommunistischen Osten nach sowjetischem Vorbild" auf, der sich gemäß der “Zwei-Staaten-Theorie" als souveräner und eigenständiger Staat neben der BRD sah. Im Sinne der „Wahrung des Sozialismus“, widersetzte sich die DDR einer Wiedervereinigung.

    So kam es aufgrund der „West- und Ostintegration“ zu einer „Entfremdung“ der beiden deutschen Staaten. Diese „Entfremdung“ beeinflusste in den 1950er und 1960er Jahren neben der Einbindung der BRD in die NATO und der DDR in den Warschauer Pakt 1955 nicht nur den militärischen Bereich.

    Die BRD stellte eine Demokratie dar, die durch eine westliche Kultur und einen wirtschaftlichen Aufschwung gesprägt war sowie eine Modernisierung im Zuge der Etablierung der sozialen Marktwirtschaft erfuhr.

    Dahingegen nahm die DDR unter dem SED-Regime Züge einer Diktatur an, die Alltagskultur war durch Zäsur geprägt und das wirtschaftliche Prinzip der Planwirtschaft führte zu Wohnungs- und Gütermangel. In der Bevölkerung der DDR, die bis in die 1960er Jahre ein gemeinsames Deutschland forderte, wuchs die wirtschaftliche und politische Unzufriedenheit. Am 17. Juni 1953 kam es schließlich zu einem Aufstand unter den Arbeiter*innen im Osten. Dieser wurde von der Regierung mit Panzern niedergeschlagen.

    Um die zahlreichen Fluchtversuche aus der DDR zu unterbinden und unter Anbetracht der zweiten Berlinkrise kam es am 13. August 1961 zum Bau der Berliner Mauer. Die Alliierten kamen dem Ultimatum der Sowjetunion, ihr Militär aus Westberlin abzuziehen, nicht nach. Der Kalte Krieg spitzte sich zu: Während der Kuba-Krise - ein Jahr später - eskalierte der Ost-West-Konflikte schließlich, weshalb sogar der Ausbruch eines atomaren, dritten Weltkrieges drohte. Ein solcher Krieg konnte nur dadurch verhindert werden, dass die USA unter Präsidet Kennedy die Teilung Deutschlands anerkannte und die Mauer somit zum Symbol des "Eisernen Vorhanges" wurde.

    Auf die "Aufrüstung" folgte eine Zeit der “Entspannung und Annäherung", denn in den folgenden Jahren verbesserte sich der Lebensstandard in der DDR. Des Weiteren begann Ende der 1960er Jahre die „Neue Ostpolitik“ unter dem Bundeskanzler Willy Brandt, welcher bestrebt war, die innerdeutschen Beziehungen zu stabilisieren.

    Das Gipfeltreffen im Jahr 1970 - als erster Versuch der „Annäherung“ - brachte dennoch keine hinreichenden Ergebnisse. Die Lage im geteilten Berlin entspannte sich im März 1970 infolge des Viermächteabkommens unter den Siegermächten jedoch. Nach zähen Verhandlungen entschied man sich im Jahr 1971 zwar nicht für eine Einbindung Westberlins in die BRD, aber für eine Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung der Beziehungen zwischen beiden Staaten. In diesem Jahr kam auch Erich Honecker an die Macht der SED, welcher gegen die Reformversuche war und die Sowjetunion vollständig anerkannte.

    Der Grundlagenvertrag vom 21. Dezember 1972 führte durch Anerkennung der Souveränität, Unabhängigkeit und Selbstständigkeit des jeweils anderen unter Berücksichtigung der territorialen Grenzen zu Verbesserungen der innerdeutschen Beziehungen. Die Entwicklung begünstigte dennoch keine Wiedervereinigung.

  • Auch die Aufnahme beider Staaten in die UNO im Jahr 1973 und ein Treffen Helmut Schmidts mit Erich Honecker 1981 änderten an dieser Tatsache nichts. Die Stationierung sowjetischer Raketen in Afghanistan und ein Nato-Doppelbeschluss fungierten als zusätzliche Belastungen.

    Dennoch hielt die BRD nun unter Helmut Kohl weiter an der Entspannungspolitik fest, gewährte der DDR Milliardenkredite und verfasste ein Zehn-Punkte-Programm zur Überwindung der Teilung.

    Als es in allen Einflussgebieten der Sowjetunion - außer in der DDR - in den 1980er Jahren unter Michael Gorbatschow zu Reformen kam, stieg die Unzufriedenheit der Bevölkerung Ostdeutschlands in Anbetracht der Wirtschaftslage und des "strahlenden Westens". In Folge dessen kam es schließlich zur Friedlichen Revolution, in welcher es zu Massendemonstrationen gegen die politische Bevormundung und für Reise-, Meinungs- oder Presserechte, aber auch zu zahlreichen Fluchten kam.

    Trotz der Absetzung Erich Honeckers konnte die SED ihren Zerfall nicht verhindern. Honeckers Nachfolger Egon Krenz arbeitetet vermehrt mit Helmut Kohl zusammen. Am 09. November 1989 kam es schließlich in Folge der verfrühten Ankündigung der Grenzöffnung unter Günther Schabowski zum Fall der Berliner Mauer.

    Dieser Tag wurde von den Bewohner*innen der zwei Staaten unterschiedlich wahrgenommen und prägt das heutige Deutschland ebenso wie die 40 Jahre der Teilung. So gab und gibt es immer noch zahlreiche Nachwirkungen der Teilung. Die deutschen Einheit vollzog sich im Zuge der Volkskammerwahl 1990, in welcher die DDR das Wirtschaftssystem sowie die Währung der BRD übernahm, während der Zwei-Plus-Vier-Vertrag außenpolitische Fragen regelte.

    Zur thematischen Erfassung der Entfremdung nutzen die Schüler*innen im Zuge der Bearbeitung des vorliegenden  Lernmaterials den Onlineartikel „Geteiltes Deutschland: Gründerjahre“, welcher 2014 von Markus Würz veröffentlicht wurde und zahlreiche Links zu Artikeln anderer Autoren und weiterführenden Aspekten der Thematik beinhaltet. Der Artikel wird vom Geschichtsportal „LeMO“ zur Verfügung gestellt, welches als Kooperationsprojekt mehrerer deutscher Stiftungen verschiedene Objekte, Texte, Medien sowie Lernmaterialen zur deutschen Geschichte bietet.

    Informationen zur weiteren Entwicklung der Beziehungen liefert ein Zitat des Bundesministers Egon Bahr von 1972. Dieser kommentierte den Grundlagenvertrag vom 21.12.1972, dessen Vertragstext 1986 in Joachim Nawrockis „Die Beziehungen zwischen den beiden Staaten in Deutschland“ abgedruckt wurde und im digitalen Dokumentenkatalog „Deutsche Geschichte in Dokumenten und Bildern“ abrufbar ist.

    Den thematischen Schwerpunkt der deutschen Wiedervereinigung erschließen sich die Schüler*innen über Videos des Projektes „Zeitzeugenportal“: Mit Hilfe der Zeitzeugeninterviews von Sieglinde Gutsche und Anette Jünger ergründen die Schüler*innen den Tag des Mauerfalls multiperspektivisch.

    Literaturhinweise
    • LeMO: https://www.hdg.de/lemo/kapitel/geteiltes-deutschland
    • Infoseite "Geteiltes Deutschland und Wiedervereinigung" der Bundesregierung: https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/deutsche-einheit/1949-1990-geteiltes-deutschland-und-wiedervereinigung-363570
    • Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hrsg.) (2013): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 7., aktual. Aufl. Heidelberg: Springer VS.
  • Didaktische Schwerpunktsetzung

    Das vorliegende Lernmaterial behandelt die Thematik der Innerdeutschen Beziehungen nach einem chronologisch-genetischem Verfahren und unterscheidet drei thematische Blöcken: "Entfremdung", "Annäherung" und "Einheit".

    Der chronologische Zugang erleichtert es den Schüler*innen, die Veränderungen und Entwicklungen in der Beziehungen der zwei deutschen Staaten besser erkennen und erfassen zu können.

    Der erste Teil jedes Aufgabensets dient der Förderung der Erschließungs- und Sachkompetenz. Nach dem Prozess Historischen Lernens nach Jeismann, entspricht dies der Sachanalyse. (Vgl. Baumgärtner 2015, S. 17 ff.) Die "Rekonstruktion der Vergangenheit" erfolgt mithilfe unterschiedlicher Medien und digitaler Tools sowie anhand verschiedener Quellengattungen.

    Im ersten thematischen Block arbeiten die Schüler*innen mit einem Online-Artikel, der zahlreiche Verweise  auf weiterführende Informationsquellen enthält. Mithilfe des Online-Artikels recherchieren die Schüler*innen zentrale Informationen zu den unterschiedlichen Entwicklungen in Ost- und Westdeutschland und deren Auswirkungen in den 1950er und 1960er Jahren. Die kritische Auseinandersetzung mit dem digitalen Artikel dient der Förderung der Medienkompetenz - ebenso wie die Analyse des Dokumentenkatalogs mithilfe des Erklärvideos im zweiten thematischen Abschnitt. Vor allem in Anbetracht der großen Relevanz und Bedeutung der Massenmedien in der Gegenwart, ist ein kritischer Umgang mit digitalen Informationsquellen und Quellensammlungen  von großer Bedeutung.

    Zur Sicherung des erworbenen Wissens füllen die Schüler*innen anschließend, wie auch im zweiten thematischen Block, einen Lückentext aus und benennen die Ursachen des historischen Ereignisses. Während die Informationsbeschaffung und Wissensaneignung (Sachanalyse) in Einzelarbeit erfolgt, soll die handlungsorientierte Aufgabenstellung des ersten thematischen Abschnitts - die Gestaltung eines Schaubildes zu den innerdeutschen Beziehungen - in Partnerarbeit bearbeitet werden. Das kooperative Lernen fördert die Akzeptanz und Aneignung unterschiedlicher Sichtweisen.

    Im zweiten thematischen Abschnitt sollen die Schüler*innen mithilfe eines digitalen Dokumentenkatalogs Informationen zum Grundlagenvertrag vom 21.12.1972 recherchieren. In Vorbereitung  auf die Arbeit mit der digitalen Sammlung steht den Schüler*innen ein Erklärvideo zur Verfügung. In der letzten Aufgabenstellung des zweiten thematischen Blocks werden die Schüler*innen dazu angeregt ein Sachurteil zu bilden, indem sie die Aussage von Egon Bahr zum Grundlagenvertrag kritisch kommentieren beziehungsweise beurteilen. Die Fähigkeit, reflektierte Urteile zu historischen Sachverhalten zu entwickeln, ist ein zentrales Anliegen des Geschichtsunterrichts, da die Urteilskompetenz eine wichtige Voraussetzung für die Ausbildung eines reflektierten Geschichtsbewusstseins darstellt. Während ein Sachurteil die Beurteilung von historischen Handlungen, Ereignissen und Prozessen innerhalb des historischen Kontextes meint, versteht man unter einem Werturteil die Bewertung geschichtlicher Sachverhalte in Bezug auf bestimmte gegenwartsgeprägte Normen und Maßstäbe. (Vgl. Jeismann 1978, S. 58, 81)

    Im dritten thematischen Block nutzen die Schüler*innen zur Sachanalyse ein Video des Zeitzeugenportals, welches den Mauerfall thematisiert. Im Folgenden sollen sich die Schüler*innen mithilfe von Zeitzeugenberichten des Zeitzeugenportals einen multiperspektivischen Blick auf das historische Ereignis erarbeiten. Auch für die Recherche im Zeitzeugenportal steht den Schüler*innen ein Erklärvideo zur Verfügung. In der letzten Aufgabenstellung des dritten thematischen Blocks sollen die Schüler*innen schließlich ein Werturteil bilden, indem sie den Fall der Berliner Mauer aus heutiger Sicht beurteilen. Auch diese Aufgabe weist eine Handlungsorientierung auf, da die Lernenden eine Karikatur, ein Schaubild oder Denkmal entwerfen  sollen, dass ihre Position widerspiegelt.

    Das Zusammentragen der verschiedenen Ergebnisse aus dem Klassenverbund zeigt den Schüler*innen die Pluralität der Urteile und Meinungen auf, was gerade bei diesem kontroversen Thema bedeutsam ist.

    Die Multiperspektivität und Kontroversität der Thematik wird den Schüler*innen bereits durch die Beschäftigung mit verschiedenen Zeitzeugenberichten vergegenwärtigt. Die Beschäftigung mit den differenten Erfahrungen in Bezug auf den Mauerfall am 9. November 1989 beziehungsweise auf die Wiedervereinigung kann als Fallanalyse verortet werden.

  • Im Zuge der Zeitzeugenbefragungen, die an den dritten thematischen Block anknüpfen, wird die historische Fragekompetenz der Schüler*innen gefördert. (Vgl. Baumgärtner 2015, S. 79 ff.) Die Lernenden ergründen eine individuelles historisches Narrativ und wenden daher das biografische Verfahren an, um Vergangenheit zu rekonstruieren. Bei der Präsentation der Ergebnisse der fiktiven Zeitzeugenbefragungen - ebenso wie bei der vorgeschlagenen Leistungsüberprüfung - schulen die Schüler*innen zudem ihre narrative Kompetenz.

    Die vorgeschlagene Leistungsüberprüfung kann anknüpfend an die Aufgabe zum Denkmalentwurf als sonstige Leistung erbracht werden. Die Sonstige Leistung umfasst die Konzeption und Präsentation einer Rede anlässlich einer Gedenkfeier zum Mauerfall, bei der das konzipierte Denkmal eröffnet werden soll. Die Aufgabe schult nicht nur die historische Orientierungskompetenz, sondern schafft ferner auch einen Gegenwarts- und Lebensweltbezug. (Vgl. Baumgärtner 2015, S. 79 ff.)

    Unter Berücksichtigung der Heterogenität der Schüler*innen, liegt das Material in zwei Varianten mit unterschiedlichem Anforderungsniveau vor - wobei das Niveau A ein geringeres Anforderungsniveau aufweist. Die Senkung des Anforderungsniveaus wird vor allem durch vermehrte Hinweise und Vorgaben (z.B. Umgang mit digitaler Sammlung, Vorgaben für das Erstellen des Schaubildes) sowie geschlossenere Aufgabenformate (z.B. Ursachen des Mauerfalls) oder vereinfachte Aufgabenstellungen gewährleistet.

    Literaturhinweise
    • Baumgärtner, Ulrich (2015): Wegweiser Geschichtsdidaktik. Historisches Lernen in der Schule, Paderborn: utb, S. 17-87.
    • Jeismann, Karl-Ernst (1987): Didaktik der Geschichte: Das spezifische Bedingungsfeld des Geschichtsunterrichts. In: Behrmann, Günter C. et al. (Hrsg.), Geschichte und Politik. Didaktische Grundlegung eines kooperativen Unterrichts, Paderborn: Schöningh, S. 50-76.
    • Pandel, Hans-Jürgen (2017): Geschichtsdidaktik. Eine Theorie für die Praxis, Schwalbach im Taunus: Wochenschau Verlag , S. 221-239.
  • Lernzielformulierung

    In der folgenden Übersicht werden die Lernziele zum Material vorgestellt. Die Lernzielformulierung orientiert sich am in Sachsen gebräuchlichen WKW-Modell, das die folgenden drei Anforderungsbereiche umfasst:

    Wissen
    Die Schüler*innen kennen:

    Können
    Die Schüler*innen können:

    Werten
    Die Schüler*innen beurteilen:

    ... die Entwicklung in Ost- und Westdeutschland in den 1950er und 1960er Jahren (politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich).

    ... Schlüsselbegriffe der deutsch-deutschen Beziehung in den Kontext einordnen.

    ... die Beziehung zwischen BRD und DDR in den 1950er und 1960er Jahren.

    ... das Verhältnis der beiden deutschen Staaten (BRD/DDR) zueinander (1945-1989).

    ... kollaborativ digitale Schaubilder erstellen.

    ... die Aussage Egon Bahrs zum Grundlagenvertrag vom 21.12.1971.

    ... den digitalen Dokumentenkatalog German History Docs als Medium zur Online-Recherche.

    ... den digitalen Dokumentenkatalog German History Docs kriteriengeleitet analysieren (Betreiber, Finanzierung, Quellen).

    ... den Fall der Berliner Mauer aus heutiger Sicht.

    ... die Modalitäten des Falls der Berliner Mauer am 09.11.1989.

    ... nach den Inhalten digitalisierter Dokumente recherchieren (Grundlagenvertrag 21.12.1971).

    ... das Zeitzeugenportal als Online-Sammlung für Oral-History-Quellen.

    ... einen Kommentar kollaborativ und digital verfassen.

    ... den Erkenntniswert von Zeitzeugenberichten als Quelle.

    ... Ursachen des Falls der Berliner Mauer am 09.11.1989 aus einem Video exzerpieren.

    ... das Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin als erinnerungskulturelle Darstellung der deutschen Einheit.

    ... nach Interviews vorgegebener Zeitzeugen im Zeitzeugenportal recherchieren.

    ... Sichtweisen auf den Fall der Berliner Mauer aus Ost- und Westberlin in Zeitzeugenberichten kriteriengeleitet vergleichen.

    ... ein Denkmal zur Wiedervereinigung Deutschlands (für das 30-jährige Mauerfalljubiläums) entwerfen.

    ... Ergebnisse digital präsentieren, kommentieren und vergleichen.

    ... ein Zeitzeugeninterview kriteriengeleitet durchführen.


    T2: Lernziele
  • Leistungsüberprüfung

    Die Leistungsüberprüfung kann in Form einer sonstigen Leistung anknüpfend an eine Aufgabenstellung des Lernmaterials, in der die Schüler*innen ein Denkmals zur Wiedervereinigung Deutschlands entwerfen sollen, stattfinden.

    Die hier vorgeschlagene Leistungsüberprüfung umfasst die Konzeption einer Rede anlässlich einer Gedenkfeier zum 30-jährigen Jubiläum des Mauerfalls in Leipzig, die im Anschluss vorgetragen werden soll.

    Beim Formulieren der Rede sollen sich die Schüler*innen in die Lage der Architekt*innen des Denkmals hineinversetzen und dieses beschreiben. Darüber hinaus sollen sie auch ihr erlangtes Wissen zur Entwicklung der deutsch-deutschen Beziehungen seit 1945 einbinden sowie Nachwirkungen der Teilung Deutschland in ihrer heutigen Lebenswelt aufzeigen.

    Diese Aufgabe fördert nicht nur eine Vielzahl von Kompetenzen wie die Orientierungs-, Interpretations- oder geschichtskulturelle Kompetenz, sondern auch die Fähigkeit, eigene Positionen zu politischen und oft umstrittenen, multiperspektivischen Thematiken sachgerecht zu begründen.

    Zur Förderung der Medienkompetenz können die Reden der Schüler*innen auch aufgenommen und der Klasse mit Hilfe eines digitalen Tools präsentiert werden.

    Sowohl der Inhalt, als auch der Vortrag der Rede werden bewertet. Bewertungskriterien für den Vortrag der Rede sowie ein Notenspiegel werden im Erwartungshorizont der Leistungsüberprüfung aufgelistet.

    Die nachfolgende Tabelle T3 dient der Übersicht über die inhaltliche Anforderungen der Reden:

    Aspekte der Rede

    Inhalt

    Punkte

    Vorstellung des Denkmalentwurfs

    Beschreibung der Äußerlichkeit und Begründung der Gestaltung

    2

    Bereich 1: Entfremdung

    Darstellung der gegensätzlichen Entwicklungen:
    Ost-Orientierung: Planwirtschaft, 2-Staaten-Theorie, Mangelwirtschaft
    West-Orientierung: Soziale Marktwirtschaft, Alleinvertretungsanspruch, Wirtschaftswunder

    jeweils 3 auf Ost-orientierung und West-orientierung

    Bereich 2: Annäherung

    Grundlagenvertrag von 1971 und Erklärung als de facto Anerkennung der staatlichen Souveränität

    2

    Bereich 3: Mauerfall

    Umstände des Mauerfalls: Fluchtbewegung führt zu Druck; Reisefreiheit, Pressekonferenz

    3

    Gegenwartsbezug

    Auswirkungen wie beispielsweise Lohnunterschiede (vgl. dazu Rentenunterschiede der Frauen), Infrastruktur

    2

    Abschließende Beurteilung

    u.a. viel erreicht, aber: unterschiedliche Prägung der Menschen durch Teilung; bestehende Unterschiede

    3


    T3: Inhaltliche Bewertungskriterien für Reden