• Hillsborough-Unglück
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  • 29.08.2025
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In­halts­zu­sam­men­fas­sung zur Hillsborough-​Katastrophe 1989

Am 15. April 1989 fand im Hillsborough-​Stadion in Shef­field das Halb­fi­na­le des eng­li­schen FA-​Cups zwi­schen dem FC Li­ver­pool und Not­ting­ham Fo­rest statt. Für die­ses Spiel waren über 50.000 Zu­schau­er er­war­tet wor­den. Die Tri­bü­ne auf der West­sei­te des Sta­di­ons, die so­ge­nann­te Leppings-​Lane-​Tribüne, war für die Liverpool-​Fans vor­ge­se­hen. Der Zu­gang er­folg­te durch we­ni­ge Dreh­kreu­ze, die be­reits in den frü­hen Nach­mit­tags­stun­den zu lan­gen War­te­schlan­gen führ­ten. Viele Fans tra­fen zudem ver­spä­tet ein, so­dass sich kurz vor Spiel­be­ginn Tau­sen­de Men­schen gleich­zei­tig Zu­tritt ver­schaf­fen woll­ten.

Um den Druck vor den Toren zu ver­rin­gern, ent­schied sich die Po­li­zei kurz vor An­pfiff, ein zu­sätz­li­ches Tor zu öff­nen. Diese Maß­nah­me führ­te je­doch nicht zu einer Ent­las­tung, son­dern zu einer un­kon­trol­lier­ten und un­ge­brems­ten Flut von Men­schen in die be­reits stark ge­füll­ten Blö­cke 3 und 4 di­rekt hin­ter dem Tor. An­statt die Zu­schau­er­strö­me um­zu­lei­ten oder den Zu­gang zu re­gu­lie­ren, ström­ten die Mas­sen di­rekt in die mitt­le­ren Steh­platz­blö­cke, die da­durch in­ner­halb kür­zes­ter Zeit mas­siv über­füllt waren. Ein ge­ord­ne­tes Ein­lass­ma­nage­ment fand nicht statt.

Im In­ne­ren des Sta­di­ons ent­wi­ckel­te sich in­ner­halb we­ni­ger Mi­nu­ten eine le­bens­ge­fähr­li­che Si­tu­a­ti­on. Die Zu­schau­er wur­den immer dich­ter zu­sam­men­ge­drängt und gegen die mas­si­ven Stahl­git­ter ge­drückt, die den Block vom Spiel­feld trenn­ten. Be­we­gungs­frei­heit war kaum noch vor­han­den, zahl­rei­che Men­schen ver­lo­ren das Be­wusst­sein. Erste An­zei­chen der Ka­ta­stro­phe waren sicht­bar: Fans klet­ter­ten ver­zwei­felt über die Zäune oder ver­such­ten, an­de­re über die Ab­sper­run­gen zu zie­hen, um sie in Si­cher­heit zu brin­gen.

Das Fehl­ver­hal­ten der Ver­ant­wort­li­chen zeig­te sich be­son­ders in den fol­gen­den Mi­nu­ten. Ord­ner und Po­li­zei er­kann­ten das Aus­maß der Ge­fahr nicht so­fort oder re­agier­ten viel zu spät. Statt die Zäune zu öff­nen, um die Men­schen­mas­sen zu ent­las­ten, blie­ben diese ver­schlos­sen. Not­aus­gän­ge wur­den ent­we­der nicht ge­nutzt oder waren nicht zu­gäng­lich. Auch die Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen Ein­satz­kräf­ten und Sta­di­on­lei­tung war man­gel­haft. Wäh­rend auf den Rän­gen Men­schen um ihr Leben kämpf­ten, lief das Spiel zu­nächst wei­ter. Wich­ti­ge Mi­nu­ten gin­gen ver­lo­ren, in denen eine so­for­ti­ge Eva­ku­ie­rung zahl­rei­che Leben hätte ret­ten kön­nen.

Als schließ­lich die ers­ten Zu­schau­er be­wusst­los über die Zäune ge­ho­ben wur­den, setz­te sich das Bild der Hilf­lo­sig­keit fort. An­stel­le eines or­ga­ni­sier­ten Ret­tungs­diens­tes waren es zu­nächst Fans selbst, die Ver­letz­te ver­sorg­ten. Tra­gen waren im Sta­di­on nicht in aus­rei­chen­der Zahl vor­han­den. Aus der Not her­aus wur­den daher Wer­be­schil­der von den Spiel­fel­d­um­ran­dun­gen ab­mon­tiert und als im­pro­vi­sier­te Tra­gen be­nutzt, um die Ver­letz­ten vom Spiel­feld­rand ab­zu­trans­por­tie­ren. Die­ses im­pro­vi­sier­te Han­deln ver­deut­lich­te, wie un­zu­rei­chend das Sta­di­on auf eine Mas­sen­pa­nik vor­be­rei­tet war.

Der Ret­tungs­dienst traf erst mit deut­li­cher Ver­spä­tung in aus­rei­chen­der Stär­ke ein. Bis dahin waren es über­wie­gend Mit­fans und ei­ni­ge we­ni­ge Ord­ner, die sich um die Opfer küm­mer­ten. Not­wen­di­ge Erste-​Hilfe-​Maßnahmen wur­den viel­fach nicht recht­zei­tig ein­ge­lei­tet. Die me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung war völ­lig un­zu­rei­chend, so­dass zahl­rei­che Men­schen, die mit recht­zei­ti­ger Hilfe hät­ten über­le­ben kön­nen, noch am Ort des Ge­sche­hens star­ben.

Ins­ge­samt ver­lo­ren bei der Ka­ta­stro­phe 96 Men­schen ihr Leben (spä­ter wurde ein wei­te­res To­des­op­fer of­fi­zi­ell hin­zu­ge­rech­net), und über 700 wur­den zum Teil schwer ver­letzt. Die Nach­be­rei­tung der Er­eig­nis­se mach­te deut­lich, dass die Ur­sa­chen nicht al­lein in der gro­ßen Men­schen­men­ge zu su­chen waren, son­dern in einer Kette von gra­vie­ren­den Fehl­ent­schei­dun­gen und or­ga­ni­sa­to­ri­schen Män­geln:



  • das un­kon­trol­lier­te Öff­nen eines Tores ohne Len­kung der Zu­schau­er­strö­me,

  • die feh­len­de Steu­e­rung der Fan­be­we­gun­gen in an­de­re, we­ni­ger ge­füll­te Blö­cke,

  • das Ver­schlie­ßen von Aus­gän­gen und Zäu­nen trotz Über­fül­lung,

  • die man­gel­haf­te Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen Po­li­zei, Sta­di­on­lei­tung und Ret­tungs­diens­ten,

  • das Feh­len aus­rei­chen­der me­di­zi­ni­scher Not­fall­aus­rüs­tung und ge­eig­ne­ter Trans­port­mit­tel für Ver­letz­te,

  • das ver­spä­te­te Ein­grei­fen des Ret­tungs­diens­tes.



Ein be­son­ders schwer­wie­gen­des Nach­spiel hatte die Be­richt­erstat­tung durch die Bou­le­vard­zei­tung „The Sun“. Be­reits we­ni­ge Tage nach der Ka­ta­stro­phe ti­tel­te sie mit „The Truth“ und schob die Schuld den Liverpool-​Fans selbst zu. Es wurde be­haup­tet, die An­hän­ger hät­ten be­trun­ken die Ka­ta­stro­phe mit­ver­ur­sacht, Po­li­zis­ten at­ta­ckiert und sogar Opfer be­stoh­len. Diese Be­richt­erstat­tung be­ruh­te auf un­be­leg­ten Aus­sa­gen und er­wies sich spä­ter als falsch. Sie führ­te je­doch zu einer mas­si­ven Stig­ma­ti­sie­rung der Fans und zu gro­ßem Leid bei den An­ge­hö­ri­gen der Opfer. Erst Jahr­zehn­te spä­ter wur­den die fal­schen An­schul­di­gun­gen of­fi­zi­ell kor­ri­giert und die Ver­ant­wor­tung klar bei den Be­hör­den und der Po­li­zei ver­or­tet. Für viele Be­trof­fe­ne war der Scha­den durch diese me­di­a­le Vor­ver­ur­tei­lung je­doch nicht wie­der­gut­zu­ma­chen.

Die Hillsborough-​Katastrophe gilt bis heute als eine der schwers­ten Sta­di­on­ka­ta­stro­phen Eu­ro­pas und führ­te in Eng­land zu einem um­fas­sen­den Um­den­ken im Sta­di­on­bau und in der Si­cher­heits­or­ga­ni­sa­ti­on. Sitz­platz­pflich­ten, brei­te­re Flucht­we­ge, klar de­fi­nier­te Ka­pa­zi­täts­gren­zen sowie ver­bes­ser­te Not­fall­plä­ne wur­den als Kon­se­quen­zen ein­ge­führt.

Die Tra­gö­die mach­te deut­lich, dass ein Ver­sa­gen in der Si­cher­heits­or­ga­ni­sa­ti­on nicht nur ein­zel­ne Feh­ler, son­dern eine ganze Kette von Fehl­ent­schei­dun­gen um­fas­sen kann – von der un­zu­rei­chen­den Pla­nung bis hin zum man­gel­haf­ten Han­deln im Ernst­fall. Eben­so zeig­te sie, wie me­di­a­le Fehl­be­richt­erstat­tung die Auf­ar­bei­tung zu­sätz­lich er­schwe­ren und das Ver­trau­en in In­sti­tu­ti­o­nen dau­er­haft be­schä­di­gen kann.



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