• MSS11/1 Kursarbeit Anthropologie
  • anonym
  • 28.11.2023
  • Ethik
  • 11
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„Der Mensch als Ma­schi­ne“ von Paul Henri Thiry d’Hol­bach (1770)



Der Mensch ist das Werk der Natur, er ist ihren Ge­set­zen un­ter­wor­fen, er kann sich nicht von ihr frei ma­chen, er kann nicht ein­mal durch das Den­ken von ihr los­kom­men. Für ein Ding, das durch die Natur ge­formt ist, exis­tiert nichts au­ßer­halb des gro­ßen Gan­zen. Die Dinge, von denen man an­nimmt, daß sie über der Natur ste­hen oder daß sie von ihr ver­schie­den sind, wer­den immer Trug­bil­der sein, von denen wir uns nie­mals wirk­li­che Ideen ma­chen kön­nen. Der Mensch ist ein rein phy­si­sches Wesen; der mo­ra­li­sche Mensch ist nichts an­de­res als die­ses phy­si­sche Wesen, be­trach­tet unter einem be­stimm­ten Ge­sichts­punkt. Sein Kör­per­bau ist das Werk der Natur. Seine sicht­ba­ren Hand­lun­gen, eben­so wie die un­sicht­ba­ren Be­we­gun­gen, sind na­tür­li­che Wir­kun­gen sei­nes ei­gen­tüm­li­chen Me­cha­nis­mus. Alles, was er nach und nach er­fun­den hat, war immer nur eine not­wen­di­ge Folge des ihm ei­gen­tüm­li­chen We­sens. Eben­so ist es mit all un­se­ren Ideen. Die Kunst ist nur die Natur, die durch von ihr selbst ge­schaf­fe­ne Werk­zeu­ge wirkt. Alles, was wir tun, ist nur An­trieb der Natur. Auf das Phy­si­sche und auf die Er­fah­rung muß der Mensch bei allen sei­nen For­schun­gen zu­rück­ge­hen. Die Natur wirkt nach ein­fa­chen Ge­set­zen. So­bald wir die Er­fah­rung ver­las­sen, führt uns un­se­re Ein­bil­dungs­kraft irre. So hat man sich aus Man­gel an Er­fah­rung un­voll­kom­me­ne Ideen von der Ma­te­rie ge­macht. Die mensch­li­che Träg­heit fin­det Ge­nü­ge darin, sich lie­ber durch das Bei­spiel, das Her­kömm­li­che, die Au­to­ri­tät füh­ren zu las­sen als durch die Er­fah­rung, wel­che Tä­tig­keit ver­langt, und durch die Ver­nunft, wel­che Über­le­gung er­for­dert. Daher jene Ab­nei­gung gegen alles, was von den Re­geln ab­weicht, daher der Re­spekt vor den In­sti­tu­ti­o­nen des Al­ter­tums. Un­er­fah­ren­heit bringt Leicht­gläu­big­keit mit sich. Neh­men wir die Er­fah­rung zum Füh­rer; be­trach­ten wir die sicht­ba­re Welt: Sie zeigt uns über­all nur Ma­te­rie und Be­we­gung. Die Be­we­gung al­lein ist es, die Be­zie­hun­gen zwi­schen un­se­ren Or­ga­nen und den in uns und um uns be­find­li­chen Din­gen her­stellt. Eine Ur­sa­che ist ein Ding, das ein an­de­res in Be­we­gung setzt oder das ir­gend­ei­ne Ver­än­de­rung in ihm her­vor­ruft. Die Wir­kung ist die Ver­än­de­rung, die ein Kör­per in einem an­de­ren ver­mit­telst der Be­we­gung her­vor­ruft. Auf wel­che Art ein Kör­per auch auf uns wir­ken mag, wir haben von ihm nur Kennt­nis durch ir­gend­ei­ne Ver­än­de­rung, die er in uns her­vor­ge­ru­fen hat. Von den im In­nern des Men­schen vor sich ge­hen­den Be­we­gun­gen, von sei­nen Ge­dan­ken, sei­nen Lei­den­schaf­ten, sei­nem Wil­len kön­nen wir uns auf Grund der Hand­lun­gen Ideen ma­chen. So ver­mu­ten wir, wenn wir einen Men­schen flie­hen sehen, daß er von Furcht ge­trie­ben wird. [...]

Die Seele folgt den­sel­ben Ge­set­zen wie der Kör­per, sie ent­steht mit dem Kör­per, ist schwach in der Kind­heit, sie teilt seine Freu­den und Lei­den, ist ge­sund oder krank, wirk­sam oder schlaff, wach­sam oder schläf­rig wie er. In­fol­ge­des­sen über­re­de­te man sich, daß diese Seele nicht ster­ben würde. Da die Natur allen Men­schen die Liebe zu ihrem Da­sein ein­ge­pflanzt hat, ließ sie der Wunsch, darin zu ver­har­ren, zu­frie­den an eine un­sterb­li­che Seele glau­ben.

zit. und ge­kürzt nach: Paul Henri Thiry d’Hol­bach: Der Mensch als Ma­schi­ne. In: Sys­tem der Natur. Übers. v. Fritz-​Georg Voigt, Auf­bau, Ber­lin 1960.

Der Mensch ist das Werk der Natur, er ist ihren Ge­set­zen un­ter­wor­fen, er kann sich nicht von ihr frei ma­chen, er kann nicht ein­mal durch das Den­ken von ihr los­kom­men. Für ein Ding, das durch die Natur ge­formt ist, exis­tiert nichts au­ßer­halb des gro­ßen Gan­zen. Die Dinge, von denen man an­nimmt, daß sie über der Natur ste­hen oder daß sie von ihr ver­schie­den sind, wer­den immer Trug­bil­der sein, von denen wir uns nie­mals wirk­li­che Ideen ma­chen kön­nen. Der Mensch ist ein rein phy­si­sches Wesen; der mo­ra­li­sche Mensch ist nichts an­de­res als die­ses phy­si­sche Wesen, be­trach­tet unter einem be­stimm­ten Ge­sichts­punkt. Sein Kör­per­bau ist das Werk der Natur. Seine sicht­ba­ren Hand­lun­gen, eben­so wie die un­sicht­ba­ren Be­we­gun­gen, sind na­tür­li­che Wir­kun­gen sei­nes ei­gen­tüm­li­chen Me­cha­nis­mus. Alles, was er nach und nach er­fun­den hat, war immer nur eine not­wen­di­ge Folge des ihm ei­gen­tüm­li­chen We­sens. Eben­so ist es mit all un­se­ren Ideen. Die Kunst ist nur die Natur, die durch von ihr selbst ge­schaf­fe­ne Werk­zeu­ge wirkt. Alles, was wir tun, ist nur An­trieb der Natur. Auf das Phy­si­sche und auf die Er­fah­rung muß der Mensch bei allen sei­nen For­schun­gen zu­rück­ge­hen. Die Natur wirkt nach ein­fa­chen Ge­set­zen. So­bald wir die Er­fah­rung ver­las­sen, führt uns un­se­re Ein­bil­dungs­kraft irre. So hat man sich aus Man­gel an Er­fah­rung un­voll­kom­me­ne Ideen von der Ma­te­rie ge­macht. Die mensch­li­che Träg­heit fin­det Ge­nü­ge darin, sich lie­ber durch das Bei­spiel, das Her­kömm­li­che, die Au­to­ri­tät füh­ren zu las­sen als durch die Er­fah­rung, wel­che Tä­tig­keit ver­langt, und durch die Ver­nunft, wel­che Über­le­gung er­for­dert. Daher jene Ab­nei­gung gegen alles, was von den Re­geln ab­weicht, daher der Re­spekt vor den In­sti­tu­ti­o­nen des Al­ter­tums. Un­er­fah­ren­heit bringt Leicht­gläu­big­keit mit sich. Neh­men wir die Er­fah­rung zum Füh­rer; be­trach­ten wir die sicht­ba­re Welt: Sie zeigt uns über­all nur Ma­te­rie und Be­we­gung. Die Be­we­gung al­lein ist es, die Be­zie­hun­gen zwi­schen un­se­ren Or­ga­nen und den in uns und um uns be­find­li­chen Din­gen her­stellt. Eine Ur­sa­che ist ein Ding, das ein an­de­res in Be­we­gung setzt oder das ir­gend­ei­ne Ver­än­de­rung in ihm her­vor­ruft. Die Wir­kung ist die Ver­än­de­rung, die ein Kör­per in einem an­de­ren ver­mit­telst der Be­we­gung her­vor­ruft. Auf wel­che Art ein Kör­per auch auf uns wir­ken mag, wir haben von ihm nur Kennt­nis durch ir­gend­ei­ne Ver­än­de­rung, die er in uns her­vor­ge­ru­fen hat. Von den im In­nern des Men­schen vor sich ge­hen­den Be­we­gun­gen, von sei­nen Ge­dan­ken, sei­nen Lei­den­schaf­ten, sei­nem Wil­len kön­nen wir uns auf Grund der Hand­lun­gen Ideen ma­chen. So ver­mu­ten wir, wenn wir einen Men­schen flie­hen sehen, daß er von Furcht ge­trie­ben wird. [...]

Die Seele folgt den­sel­ben Ge­set­zen wie der Kör­per, sie ent­steht mit dem Kör­per, ist schwach in der Kind­heit, sie teilt seine Freu­den und Lei­den, ist ge­sund oder krank, wirk­sam oder schlaff, wach­sam oder schläf­rig wie er. In­fol­ge­des­sen über­re­de­te man sich, daß diese Seele nicht ster­ben würde. Da die Natur allen Men­schen die Liebe zu ihrem Da­sein ein­ge­pflanzt hat, ließ sie der Wunsch, darin zu ver­har­ren, zu­frie­den an eine un­sterb­li­che Seele glau­ben.

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zit. und ge­kürzt nach: Paul Henri Thiry d’Hol­bach: Der Mensch als Ma­schi­ne. In: Sys­tem der Natur. Übers. v. Fritz-​Georg Voigt, Auf­bau, Ber­lin 1960.
zit. und ge­kürzt nach: Paul Henri Thiry d’Hol­bach: Der Mensch als Ma­schi­ne. In: Sys­tem der Natur. Übers. v. Fritz-​Georg Voigt, Auf­bau, Ber­lin 1960.

























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