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Sachtexte lesen und verstehen

Tamana mag am liebsten den „Ollie“. Das ist ein Trick auf dem Skateboard, bei dem man so abspringt, dass man das Brett in der Luft unter den Füßen behält und danach wieder darauf landet. Vor zwei Jahren stand Tamana zum ersten Mal in ihrem Leben auf einem Skateboard. Inzwischen ist sie zwölf Jahre alt und so gut geworden, dass sie anderen Kindern ihre Tricks beibringt: Tamana ist Trainerin bei Skateistan, einer Skateboardschule in der afghanischen Hauptstadt Kabul.
Wenn ein Mädchen richtig gut skateboarden kann, ist das schon in Deutschland etwas Besonderes. In Afghanistan, wo Tamana lebt, sind Mädchen auf dem Skateboard eine Sensation. Bis vor (einigen) Jahren waren dort die Taliban an der Macht, eine Gruppe, die strenge Regeln für die ganze Bevölkerung einführte. Frauen durften nur verschleiert auf die Straße und Mädchen nicht in die Schule gehen. Sport war für sie in dieser Zeit ganz verboten. Im Jahr 2001 kamen dann Soldaten aus den USA, Frankreich, Deutschland und weiteren 40 Ländern nach Afghanistan, um gegen die Taliban zu kämpfen. Seitdem dürfen die Mädchen in Kabul wieder zur Schule gehen und auch Sport machen, aber wenn sie auf einem Fahrrad oder Skateboard durch die Straßen fahren, werden sie immer noch komisch angeguckt.
Dass es die Skateboardschule überhaupt gibt, ist ein großer Zufall. Im Jahr 2007 kam Oliver Percovich aus Australien nach Afghanistan. (…) Als begeisterter Skateboarder hatte er ein paar Bretter im Gepäck. Die Kinder in Kabul kannten Skateboards, wenn überhaupt, nur aus dem Fernsehen. Als sie sahen, wie Oliver auf den staubigen Straßen seine Tricks übte, wollten sie es unbedingt auch mal versuchen. (…) Deshalb hatte Oliver die Idee, eine Skatehalle in Kabul zu bauen, mit Rampen und einer richtigen Halfpipe. Dazu sammelte er Spenden in aller Welt. Ende 2009 wurde die Halle schließlich eröffnet und regelmäßig kommen mehr als 350 Kinder dorthin.
Natürlich könnte man sagen, dass es für Kinder, die in einem Kriegsland wie Afghanistan leben, Wichtigeres gibt, als skaten zu lernen. Andererseits gibt es in Kabul kaum Freizeitangebote. Bei Skateistan sind sie sicher und können einfach Spaß haben. Außerdem gibt es eine Vereinbarung: Für jede Stunde Skaten in der Halle müssen die Teilnehmer eine Unterrichtsstunde belegen. Bei Skateistan gibt es nämlich auch Klassenzimmer und Lehrer. Mit ihnen pauken die Kinder Mathe und Englisch oder lernen, mit dem Computer umzugehen. Sie spielen aber auch Theater, malen, lernen zu fotografieren und Filme zu drehen.
In vielen afghanischen Familien müssen die Kinder mitverdienen, damit alle etwas zu essen haben. Sie gehen auf die Straße und betteln oder versuchen Kleinkram zu verkaufen. Mehr als der Hälfte der Skateistan-Schüler ergeht es so. Weil neben der Arbeit oft keine Zeit für die Schule bleibt, lernen viele erst hier lesen und schreiben. „Manchmal gibt es Probleme, weil Kinder aus reicheren Familien denken, sie wären etwas Besseres“, sagt Oliver, „aber spätestens beim Skateboarden merken sie, dass alle gleich sind.“

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Skaten in Kabul (von Josephina Maier, 2013)





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Maier, Josephina: Skaten in Kabul. In: Zeit Leo Nr. 01/2013. S.18-21.
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Skaten in Kabul (von Josephina Maier, 2013)

Tamana mag am liebsten den „Ollie“. Das ist ein Trick auf dem Skateboard, bei dem man so abspringt, dass man das Brett in der Luft unter den Füßen behält und danach wieder darauf landet. Vor zwei Jahren stand Tamana zum ersten Mal in ihrem Leben auf einem Skateboard. Inzwischen ist sie zwölf Jahre alt und so gut geworden, dass sie anderen Kindern ihre Tricks beibringt: Tamana ist Trainerin bei Skateistan, einer Skateboardschule in der afghanischen Hauptstadt Kabul.
Wenn ein Mädchen richtig gut skateboarden kann, ist das schon in Deutschland etwas Besonderes. In Afghanistan, wo Tamana lebt, sind Mädchen auf dem Skateboard eine Sensation. Bis vor (einigen) Jahren waren dort die Taliban an der Macht, eine Gruppe, die strenge Regeln für die ganze Bevölkerung einführte. Frauen durften nur verschleiert auf die Straße und Mädchen nicht in die Schule gehen. Sport war für sie in dieser Zeit ganz verboten. Im Jahr 2001 kamen dann Soldaten aus den USA, Frankreich, Deutschland und weiteren 40 Ländern nach Afghanistan, um gegen die Taliban zu kämpfen. Seitdem dürfen die Mädchen in Kabul wieder zur Schule gehen und auch Sport machen, aber wenn sie auf einem Fahrrad oder Skateboard durch die Straßen fahren, werden sie immer noch komisch angeguckt.
Dass es die Skateboardschule überhaupt gibt, ist ein großer Zufall. Im Jahr 2007 kam Oliver Percovich aus Australien nach Afghanistan. (…) Als begeisterter Skateboarder hatte er ein paar Bretter im Gepäck. Die Kinder in Kabul kannten Skateboards, wenn überhaupt, nur aus dem Fernsehen. Als sie sahen, wie Oliver auf den staubigen Straßen seine Tricks übte, wollten sie es unbedingt auch mal versuchen. (…) Deshalb hatte Oliver die Idee, eine Skatehalle in Kabul zu bauen, mit Rampen und einer richtigen Halfpipe. Dazu sammelte er Spenden in aller Welt. Ende 2009 wurde die Halle schließlich eröffnet und regelmäßig kommen mehr als 350 Kinder dorthin.
Natürlich könnte man sagen, dass es für Kinder, die in einem Kriegsland wie Afghanistan leben, Wichtigeres gibt, als skaten zu lernen. Andererseits gibt es in Kabul kaum Freizeitangebote. Bei Skateistan sind sie sicher und können einfach Spaß haben. Außerdem gibt es eine Vereinbarung: Für jede Stunde Skaten in der Halle müssen die Teilnehmer eine Unterrichtsstunde belegen. Bei Skateistan gibt es nämlich auch Klassenzimmer und Lehrer. Mit ihnen pauken die Kinder Mathe und Englisch oder lernen, mit dem Computer umzugehen. Sie spielen aber auch Theater, malen, lernen zu fotografieren und Filme zu drehen.
In vielen afghanischen Familien müssen die Kinder mitverdienen, damit alle etwas zu essen haben. Sie gehen auf die Straße und betteln oder versuchen Kleinkram zu verkaufen. Mehr als der Hälfte der Skateistan-Schüler ergeht es so. Weil neben der Arbeit oft keine Zeit für die Schule bleibt, lernen viele erst hier lesen und schreiben. „Manchmal gibt es Probleme, weil Kinder aus reicheren Familien denken, sie wären etwas Besseres“, sagt Oliver, „aber spätestens beim Skateboarden merken sie, dass alle gleich sind.“

Maier, Josephina: Skaten in Kabul. In: Zeit Leo Nr. 01/2013. S.18-21.
Maier, Josephina: Skaten in Kabul. In: Zeit Leo Nr. 01/2013. S.18-21.