Sozialpädagogik 6

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Fall­bei­spiel: Der 4-​jährige Leon und die Gren­zen der Er­zie­hungs­part­ner­schaft

1. Ak­tu­el­ler An­lass und Be­ob­ach­tun­gen in der Kita

Der 4-​jährige Leon be­sucht seit einem Jahr die al­ters­ge­misch­te Grup­pe (3–6 Jahre) der KiTa „Son­nen­schein“. Seit etwa drei Mo­na­ten be­ob­ach­ten die päd­ago­gi­schen Fach­kräf­te eine mas­si­ve Ver­än­de­rung in Leons Ver­hal­ten.

  • So­zi­al­ver­hal­ten und Ag­gres­si­on: Leon zeigt eine ex­trem nied­ri­ge Frus­tra­ti­ons­to­le­ranz. Wenn im Frei­spiel etwas nicht nach sei­nem Plan läuft (z. B. wenn ein an­de­res Kind den­sel­ben Bau­stein möch­te), re­agiert er schlag­ar­tig mit kör­per­li­cher Ag­gres­si­on. Er beißt, tritt und kratzt an­de­re Kin­der und die Er­zie­he­rin­nen. Letz­te Woche er­litt ein an­de­res Kind eine blu­ti­ge Biss­wun­de im Ge­sicht, als es sich Leons Spiel­zeug nä­her­te.

  • Em­pa­thie und Rück­zug: Nach sol­chen Vor­fäl­len zeigt Leon kei­ner­lei sicht­ba­re Reue oder Mit­ge­fühl. Er wirkt starr, zeigt kaum Mimik und zieht sich in die Bau­e­cke zu­rück, wo er Spiel­zeug­au­tos ex­trem ste­reo­typ (immer wie­der stun­den­lang vor- und zu­rück­schie­bend) be­wegt. Wenn man ihn an­spricht, hält er den Blick­kon­takt nicht und re­agiert mit einem laut­star­ken, schril­len Schrei­en.

  • Kör­per­li­cher Zu­stand: Leon wirkt zu­neh­mend un­ge­pflegt. Er kommt häu­fig mit schmut­zi­ger Klei­dung, stark rie­chend nach un­ge­wa­sche­ner Haut und mit un­ge­schnit­te­nen Fin­ger­nä­geln in die Ein­rich­tung. Zudem fällt auf, dass er im mor­gend­li­chen Sitz­kreis ex­trem müde ist, häu­fig gähnt und manch­mal wäh­rend des Frei­spiels auf dem Tep­pich ein­schläft. Auf Nach­fra­ge, wann er ins Bett ge­gan­gen sei, ant­wor­tet er: „Wenn das Fern­se­hen aus­ge­macht wird.“

2. Fa­mi­li­ä­rer Hin­ter­grund und El­tern­dy­na­mik

Leon lebt mit sei­nen El­tern, Frau Ni­co­le M. (24 Jahre, un­ge­lernt, ak­tu­ell Haus­frau) und Herrn Kevin M. (28 Jahre, Schicht­ar­bei­ter in einer Fa­brik), in einer klei­nen Drei­zim­mer­woh­nung.

  • Die Mut­ter (Frau M.): Frau M. wirkt bei den täg­li­chen Bring- und Ab­hol­si­tu­a­ti­o­nen ex­trem ge­stresst und di­stan­ziert. Sie schaut meis­tens auf ihr Smart­phone, wäh­rend Leon sich die Schu­he an­zieht. Auf kurze Rück­mel­dun­gen der Er­zie­he­rin­nen re­agiert sie ab­weh­rend: „Zu Hause macht er das nicht. Sie ha­cken nur auf ihm rum.“ Sie be­klagt sich häu­fig über chro­ni­sche Er­schöp­fung und die man­geln­de Un­ter­stüt­zung durch ihren Ehe­mann.

  • Der Vater (Herr M.): Herr M. wurde vom päd­ago­gi­schen Team noch nie per­sön­lich ge­se­hen. Er nimmt an kei­nen El­tern­aben­den oder Ent­wick­lungs­ge­sprä­chen teil. Laut Aus­sa­ge der Mut­ter schläft er tags­über wegen der Schicht­ar­beit viel oder ist am Wo­chen­en­de mit Freun­den un­ter­wegs. Frau M. deu­te­te ein­mal an, dass der Vater „einen stren­gen Ton“ pfle­ge und „durch­grei­fe“, wenn Leon nicht pa­rie­re. Was genau das be­deu­tet, ließ sie offen.

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3. Die Es­ka­la­ti­on beim Ent­wick­lungs­ge­spräch

Auf­grund der mas­si­ven Vor­fäl­le lädt die Ki­ta­lei­tung Frau M. zu einem drin­gen­den Ent­wick­lungs­ge­spräch ein. Das Ge­spräch ver­läuft hoch­gra­dig kon­flikt­ak­tiv:

Als die Be­zugs­er­zie­he­rin Leons ag­gres­si­ve Aus­brü­che und den Ver­dacht auf Schlaf­man­gel an­spricht, bricht Frau M. zu­nächst in Trä­nen aus und sagt, dass Leon sie psy­chisch fer­tig mache.

Kurz dar­auf schlägt ihre Stim­mung je­doch in nack­te Wut um. Sie be­schul­digt die Kita, Leon zu stig­ma­ti­sie­ren: „Ihr seid die Pro­fis, ihr müsst das hin­krie­gen! Dafür kriegt ihr Geld. Wenn er bei euch beißt, passt ihr ein­fach nicht rich­tig auf!“

Sie droht damit, Leon aus der Kita zu neh­men und sich beim Trä­ger zu be­schwe­ren. Das Ge­spräch wird er­geb­nis­los ab­ge­bro­chen. Seit die­sem Tag bringt die Groß­mutter Leon in die Kita, die Mut­ter mei­det jeden Kon­takt zum Team.

4. Res­sour­cen



-​Leons ko­gni­ti­ve Fä­hig­kei­ten: Leon ist sprach­lich sehr weit ent­wi­ckelt. Er ver­fügt über einen über­durch­schnitt­li­chen Wort­schatz und kann kom­ple­xe Sätze bil­den, nutzt diese Fä­hig­keit im Kon­flikt aber kaum kon­struk­tiv.

-Die Groß­mutter: Die Oma (Mut­ter der Mut­ter) zeigt sich beim Brin­gen be­sorgt. Sie si­gna­li­siert den Er­zie­he­rin­nen zwi­schen den Zei­len, dass sie die Über­for­de­rung ihrer Toch­ter sieht und gerne hel­fen möch­te, aber Angst vor einem Fa­mi­li­en­streit hat.

-​Kita-​Team: Die Grup­pe ist mit zwei Voll­zeit­kräf­ten und einer Spring­kraft gut be­setzt. Das Team ist mo­ti­viert, Leon nicht auf­zu­ge­ben, stößt aber an seine emo­ti­o­na­len und zeit­li­chen Gren­zen, da Leon eine „Eins-​zu-​eins-​Betreuung“ er­for­dert, um an­de­re Kin­der zu schüt­zen.

Ent­wick­lungs­psy­cho­lo­gi­sche Ana­ly­se: Ana­ly­sie­re Leons Ver­hal­ten unter Ein­be­zug von Bin­dungs­the­o­rien und der sozial-​emotionalen Ent­wick­lung im Alter von 4 Jah­ren.

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Kon­zept der Er­zie­hungs­part­ner­schaft:

Re­flek­tie­re das ab­ge­bro­che­ne Ent­wick­lungs­ge­spräch. Warum hat die Mut­ter so re­agiert? Wie kann die Kita trotz der Blo­cka­de­hal­tung wie­der in einen ge­lin­gen­den Dia­log mit der Fa­mi­lie tre­ten?

Päd­ago­gi­scher Hand­lungs­plan für den Kita-​Alltag:

Ent­wer­fe kon­kre­te, pra­xis­na­he Me­tho­den für die Grup­pe, um Leons Frus­tra­ti­ons­to­le­ranz zu stär­ken und die an­de­ren Kin­der vor sei­nen Beiß- und Kratz­at­ta­cken zu schüt­zen, ohne Leon kom­plett zu iso­lie­ren.

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von anonym

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