• Das philosophische Staunen
  • Wolke
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  • 19.08.2019
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    Die Fähigkeit, uns zu wundern, ist das Einzige, was wir brauchen, um gute Philo-
    sophen zu werden.





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    Alle kleinen Kinder haben diese Fähigkeit, das ist ja wohl klar. Nach wenigen Monaten werden sie in eine nagelneue Wirklichkeit geschubst. Aber wenn sie dann heranwachsen, scheint diese Fähigkeit abzunehmen. Woher kann das kommen? Wenn ein kleines Baby reden könnte, würde es sicher erzählen, in was für eine seltsame Welt es gekommen ist. Denn obwohl das Kind nicht sprechen kann, sehen wir, wie es um sich zeigt und neugierig die Gegenstände im Zimmer anfasst. Wenn die ersten Wörter kommen, bleibt das Kind jedes Mal stehen, wenn es einen Hund sieht und ruft: „Wau-wau!“ Wir, die schon ein paar Jahre hinter uns haben, fühlen uns von der Begeisterung des Kindes vielleicht ein wenig überfordert. „Ja, ja, das ist ein Wauwau!“, sagen wir welterfahren, „aber setz dich jetzt schön wieder hin.“ Wir sind nicht so begeistert. Wir haben schon früher Hunde gesehen. Vielleicht wiederholt sich diese wüste Szene einige hundert Male, bis das Kind an einem Hund vorbeikommen kann, ohne außer sich zu geraten. Aber lange bevor das Kind richtig sprechen lernt - oder lange bevor es philosophisch denken lernt -, ist die Welt ihm zur Gewohnheit geworden.

    Wir machen noch ein gedankliches Experiment: Eines Morgens sitzen Mama, Papa und der kleine Thomas, der vielleicht zwei oder drei ist, in der Küche beim Frühstück. Plötzlich steht Mama auf und dreht sich zum Spülbecken um und dann - ja, dann schwebt Papa plötzlich unter der Decke. Was glaubst du, sagt Thomas dazu? Vielleicht zeigt er auf seinen Papa und sagt: „Papa fliegt!“ Sicher wäre Thomas erstaunt, aber das ist er ja sowieso. Papa macht so viele seltsame Dinge, dass ein kleiner Flug über den Frühstückstisch in seinen Augen keine große Rolle mehrspielt. Jeden Tag rasiert er sich mit einer witzigen Maschine oder er steckt den Kopf in den Automotor und kommt rabenschwarz wieder zum Vorschein. Und dann kommt Mama an die Reihe. Sie hat gehört, was Thomas gesagt hat, und dreht sich resolut um. Wie, glaubst du, wird sie auf den Anblick des frei schwebenden Papas über dem Küchentisch reagieren? Ihr fällt sofort das Marmeladenglas aus der Hand und sie heult vor  Entsetzen auf. Vielleicht muss sie zum Arzt, nachdem Papa wieder auf seinem Stuhl sitzt. (Er hätte schon längst bessere Tischmanieren lernen sollen.) Das Traurige ist, dass wir uns im Heranwachsen nicht nur an die Gesetze der Schwerkraft gewöhnen. Wir gewöhnen uns gleichzeitig an die Welt selber.

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    Die Fähigkeit, uns zu wundern, ist das Einzige, was wir brauchen, um gute Philo-
    sophen zu werden.

    Alle kleinen Kinder haben diese Fähigkeit, das ist ja wohl klar. Nach wenigen Monaten werden sie in eine nagelneue Wirklichkeit geschubst. Aber wenn sie dann heranwachsen, scheint diese Fähigkeit abzunehmen. Woher kann das kommen? Wenn ein kleines Baby reden könnte, würde es sicher erzählen, in was für eine seltsame Welt es gekommen ist. Denn obwohl das Kind nicht sprechen kann, sehen wir, wie es um sich zeigt und neugierig die Gegenstände im Zimmer anfasst. Wenn die ersten Wörter kommen, bleibt das Kind jedes Mal stehen, wenn es einen Hund sieht und ruft: „Wau-wau!“ Wir, die schon ein paar Jahre hinter uns haben, fühlen uns von der Begeisterung des Kindes vielleicht ein wenig überfordert. „Ja, ja, das ist ein Wauwau!“, sagen wir welterfahren, „aber setz dich jetzt schön wieder hin.“ Wir sind nicht so begeistert. Wir haben schon früher Hunde gesehen. Vielleicht wiederholt sich diese wüste Szene einige hundert Male, bis das Kind an einem Hund vorbeikommen kann, ohne außer sich zu geraten. Aber lange bevor das Kind richtig sprechen lernt - oder lange bevor es philosophisch denken lernt -, ist die Welt ihm zur Gewohnheit geworden.

    Wir machen noch ein gedankliches Experiment: Eines Morgens sitzen Mama, Papa und der kleine Thomas, der vielleicht zwei oder drei ist, in der Küche beim Frühstück. Plötzlich steht Mama auf und dreht sich zum Spülbecken um und dann - ja, dann schwebt Papa plötzlich unter der Decke. Was glaubst du, sagt Thomas dazu? Vielleicht zeigt er auf seinen Papa und sagt: „Papa fliegt!“ Sicher wäre Thomas erstaunt, aber das ist er ja sowieso. Papa macht so viele seltsame Dinge, dass ein kleiner Flug über den Frühstückstisch in seinen Augen keine große Rolle mehrspielt. Jeden Tag rasiert er sich mit einer witzigen Maschine oder er steckt den Kopf in den Automotor und kommt rabenschwarz wieder zum Vorschein. Und dann kommt Mama an die Reihe. Sie hat gehört, was Thomas gesagt hat, und dreht sich resolut um. Wie, glaubst du, wird sie auf den Anblick des frei schwebenden Papas über dem Küchentisch reagieren? Ihr fällt sofort das Marmeladenglas aus der Hand und sie heult vor  Entsetzen auf. Vielleicht muss sie zum Arzt, nachdem Papa wieder auf seinem Stuhl sitzt. (Er hätte schon längst bessere Tischmanieren lernen sollen.) Das Traurige ist, dass wir uns im Heranwachsen nicht nur an die Gesetze der Schwerkraft gewöhnen. Wir gewöhnen uns gleichzeitig an die Welt selber.

    Sophies Welt. Roman über die Geschichte der Philosophie, Jostein Gaarder (1993): S. 23-26, gekürzt
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    Erkläre: Warum reagieren die Mutter und der kleine Thomas so unterschiedlich?
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    Erläutere, wie du dir die Welt vorstellst und in welchen Punkten du dich an die Welt gewöhnt hast.
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    Erkläre: Was meint der Autor mit einem Gedankenexperiment ( Zeile 34)?