• Bier
  • anonym
  • 16.12.2019
  • Geschichte
  • 6
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  • STATION 6: Wie ist Linhardt gestorben?

    Linhardts absolutes Lieblingsgetränk war das Bier, von dem er gerne mal ein paar Gläser zu viel zu sich nahm. Im folgenden Text M 1 lernt ihr, warum er als mittelalterlicher Mönch in einer besonders guten Position war, um regelmäßig an sein Lieblingsgetränk zu gelangen.

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    Lest M 1 und nennt die Ursachen für die besonders gute Ausgangsposition von Klöstern zum Bierbrauen im Vergleich zu weltlichen (=nichtreligiösen) Institutionen im Mittelalter.
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    Zum Zeitpunkt von Linhardts Tod waren die Mönche in der Fastenzeit. Das heißt, dass sie bestimmte Nahrungs- und Genussmittel nicht zu sich nehmen durften.
    • Nennt die im Text erwähnte Dauer und Regelmäßigkeit der Fastenzeit
    • Versucht euch in die Lage der Mönche zu versetzen. Könntet ihr euch selbst vorstellen für einen solchen Zeitraum auf euer Lieblingsessen zu verzichten? Begründet!
    • Ein beliebter lateinischer Ausspruch während des Fastens ist: Liquidum non frangit jejunum – „Flüssiges bricht das Fasten nicht“. Diskutiert in eurer Gruppe kurz die Bedeutung des Ausspruchs und interpretiert dessen Relevanz für Linhardt und seine Klosterbrüder.
    • Musste Mönch Linhardt während des Fastens auf sein Lieblingsgetränk verzichten?

    a)

    b) Ja, weil.../ Nein, weil...

    c)

    d)

  • Obwohl der Bierkonsum im Kloster „in eine feste Ordnung der Chronologie und Menge“ (Vgl. M 1, Z. 29 f.) eingebunden war, neigte Linhardt dazu, gelegentlich schon tagsüber zu viel von seinem geliebten Bier zu trinken.

    Über unverhältnismäßiges Verhalten beim Essen und Trinken sprach auch der Prediger Berthold von Regensburg. In Q 1 findet ihr einen Auszug aus seiner mittelhochdeutschen Predigt „Über fünf schädliche Sünden“, die er zwischen 1250 und 1264 gehalten hat.

    Lest Q 1 und beantwortet die nachfolgenden Aufgaben!

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    Fasst die Kernaussage der Predigt in maximal zwei Sätzen zusammen.
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    Im Text ist von den sieben Totsünden der Bibel die Rede. Dazu zählen Faulheit, Neid, Eitelkeit, Zorn, Wollust (=Genusssucht) und Gier. Nennt die fehlende Todsünde und erläutert kurz ihre Bedeutung.
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    Überlegt euch, auf wen sich Berthold von Regensburg bezieht, wenn er von „Vielfraßen“ spricht. Bedenkt dabei, dass er nicht nur eine Art von „Vielfraßen“ erwähnt!
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    Versetzt euch nun in die Lage von Bertholds Zeitgenossen. Schildert eure Reaktionen auf die Predigt entweder aus Sicht eines bzw. einer Armen oder aus Sicht eines bzw. einer Adligen. Nehmt in der Rolle Stellung zu folgender Aussage: Menschen, die Völlerei begehen („Vielfraße“), kommen in die Hölle.
  • 7
    Der Twitter Nutzer Ari Paul hat die sieben Todsünden im April 2018 folgendermaßen auf die digitale Welt übertragen: Faulheit-Netflix, Neid-Facebook, Eitelkeit-Instagram, Zorn-Twitter, Wollust-Tinder, Gier-LinkedIn und Völlerei-Yelp. Wählt eine davon aus und nehmt Stellung, ob oder inwiefern diese eine Todsünde für euch darstellt.

    Viele der Klosterbewohner wussten, dass Bruder Linhardt gelegentlich schon tagsüber zur Völlerei von Bier neigte. Die machte sich auch der Täter, der Linhardt zum Schweigen bringen wollte, zu Nutze und rieb Linhardts Trinkgefäß mit Eisenhut, einem starken Pflanzengift ein. Dieses Gefäß findet ihr auf einem Wandstück in der Vitrine in der Nähe des Helpdesks im Neuen Augusteum.

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    Dieses Gefäß war ein …

    Nachdem Linhardt daraus getrunken hatte, starb er wenige Stunden später. Als die anderen Mönche ihn später fanden, war für sie klar, dass Linhardt für das Begehen einer Todsünde von Gott bestraft worden ist und machten sich deshalb nicht auf die Suche nach einem möglichen Mörder.

    Q2 Mönch beim Trinken von Alkohol, 13. Jahrhundert (https://commons.wikimedia.orgwikiFile:Monksneakinga_drink.jpg)
  • M 1 Im Bierhimmel: Das „flüssige Brot“ der Klosterbrauereien





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    In der besten Ausgangsposition [zum Bierbrauen im Hoch- und Spätmittelalter] waren zunächst die Klöster. Viele von ihnen waren bereits bald nach der Wende zum 2. Jahrtausend dazu übergegangen, ihr professionell gebrautes Bier selbst auszuschenken und zu verkaufen. […] Des Weiteren erfuhren die Privilegien für den Klerus im 12. Jahrhundert mit dem privilegium immunitatis, das durch Kaiser Friedrich II. bestätigt wurde, ihre rechtliche Fixierung: Der Klerus im gesamten Reich wurde von bürgerlichen Abgaben und Lasten befreit.

    Auch fiel die Tatsache ins Gewicht, dass gegen die Klöster keine weltlichen Brauverbote verhängt werden konnten. Derartige Verbote wurden von den Landesherren immer dann erlassen, wenn Kriege oder Missernten zu Mangel an Brotgetreide und Preissteigerung geführt hatten. Blieb das Wirtshaus also geschlossen, boomte die Klosterschenke umso mehr. All diese Faktoren hatten zur Folge, dass die Stellung der Klöster […] im mittelalterlichen Bierhandel kontinuierlich stieg und auch dann noch stark blieb, als das städtische Braugewerbe zu seinem Höchstflug ansetzte. […]

    Dass das Bier in den Klöstern beliebt war, liegt auf der Hand, denn auch unter den Bedingungen der mittelalterlichen Landwirtschaft ließ es sich in passablen Mengen produzieren. Dass es aber auch wertgeschätzt wurde, muss verwundern, denn im Reigen der alkoholischen Getränke konnte es nicht mit dem Wein konkurrieren; zumal dieser als grundsätzlicher Zentralbaustein des Abendmahls besonderes Ansehen genoss […]. Aber Wein war in der Produktion stets viel aufwendiger und damit auch teurer, sodass er vielerorts vornehmlich für das Abendmahl eingesetzt wurde und als Alltagsgetränk für die einfachen Brüder und Schwestern kaum infrage kam. Diese Schieflage scheint man bereits auf den Synoden von Aachen (816-819) erkannt zu haben, denn das Bier wurde hier als Heilgetränk deklariert. […]

    Wir können festhalten, dass Bierbrauerei und Bierkonsum integrativer Bestandteil des mittelalterlichen Klosterlebens waren. Die Bedeutung des Bieres nahm mit der Kommerzialisierung des Verkaufs und Ausschanks seit dem 11. Jahrhundert zu. Das Klosterbier war im Vergleich zum weltlich gebrauten Bier von guter Qualität. Der Konsum in den Klöstern war regelmäßig, aber stets eingebunden in eine feste Ordnung der Chronologie [= zeitliche Abfolge] und der Menge. Je höher der soziale Status eines Klosterbewohners war, desto mehr Bier stand ihm zu, was auch für Frauen galt. Eine besondere Bedeutung kam den Bieren in den Fastenzeiten zu: Als „flüssiges Brot“ waren sie beliebt, halfen die entbehrungsreichen Phasen – jeweils 40 Tage vor Weihnachten und vor Ostern – zu überstehen.

    M 1 Im Bierhimmel: Das „flüssige Brot“ der Klosterbrauereien

    In der besten Ausgangsposition [zum Bierbrauen im Hoch- und Spätmittelalter] waren zunächst die Klöster. Viele von ihnen waren bereits bald nach der Wende zum 2. Jahrtausend dazu übergegangen, ihr professionell gebrautes Bier selbst auszuschenken und zu verkaufen. […] Des Weiteren erfuhren die Privilegien für den Klerus im 12. Jahrhundert mit dem privilegium immunitatis, das durch Kaiser Friedrich II. bestätigt wurde, ihre rechtliche Fixierung: Der Klerus im gesamten Reich wurde von bürgerlichen Abgaben und Lasten befreit.

    Auch fiel die Tatsache ins Gewicht, dass gegen die Klöster keine weltlichen Brauverbote verhängt werden konnten. Derartige Verbote wurden von den Landesherren immer dann erlassen, wenn Kriege oder Missernten zu Mangel an Brotgetreide und Preissteigerung geführt hatten. Blieb das Wirtshaus also geschlossen, boomte die Klosterschenke umso mehr. All diese Faktoren hatten zur Folge, dass die Stellung der Klöster […] im mittelalterlichen Bierhandel kontinuierlich stieg und auch dann noch stark blieb, als das städtische Braugewerbe zu seinem Höchstflug ansetzte. […]

    Dass das Bier in den Klöstern beliebt war, liegt auf der Hand, denn auch unter den Bedingungen der mittelalterlichen Landwirtschaft ließ es sich in passablen Mengen produzieren. Dass es aber auch wertgeschätzt wurde, muss verwundern, denn im Reigen der alkoholischen Getränke konnte es nicht mit dem Wein konkurrieren; zumal dieser als grundsätzlicher Zentralbaustein des Abendmahls besonderes Ansehen genoss […]. Aber Wein war in der Produktion stets viel aufwendiger und damit auch teurer, sodass er vielerorts vornehmlich für das Abendmahl eingesetzt wurde und als Alltagsgetränk für die einfachen Brüder und Schwestern kaum infrage kam. Diese Schieflage scheint man bereits auf den Synoden von Aachen (816-819) erkannt zu haben, denn das Bier wurde hier als Heilgetränk deklariert. […]

    Wir können festhalten, dass Bierbrauerei und Bierkonsum integrativer Bestandteil des mittelalterlichen Klosterlebens waren. Die Bedeutung des Bieres nahm mit der Kommerzialisierung des Verkaufs und Ausschanks seit dem 11. Jahrhundert zu. Das Klosterbier war im Vergleich zum weltlich gebrauten Bier von guter Qualität. Der Konsum in den Klöstern war regelmäßig, aber stets eingebunden in eine feste Ordnung der Chronologie [= zeitliche Abfolge] und der Menge. Je höher der soziale Status eines Klosterbewohners war, desto mehr Bier stand ihm zu, was auch für Frauen galt. Eine besondere Bedeutung kam den Bieren in den Fastenzeiten zu: Als „flüssiges Brot“ waren sie beliebt, halfen die entbehrungsreichen Phasen – jeweils 40 Tage vor Weihnachten und vor Ostern – zu überstehen.

    Hirschfelder, Gunther und Manuel Trummer, Bier. Eine Geschichte von der Steinzeit bis heute. Darmstadt 2016, S. 110 ff.
  • Q 1 Auszug aus Berthold von Regensburgs Predigt „Über fünf schädliche Sünden“ (1264)





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    „Nun überlegt, ob es für euren Leib etwas Besseres und Lieberes gibt als Gesundheit und ein langes Leben. Wer von den Anwesenden dauern gesund bleiben und lang leben möchte, der hüte sich vor zwei Sünden. Die eine heißt Unmäßigkeit im Essen und Trinken, die andere Unmäßigkeit des Fleisches mit unkeuschen Sachen. Sie tun der Gesundheit des Leibes so vielerlei Schaden, daß niemand es ganz beschreiben kann. Trotzdem will ich euch einiges davon mitteilen, so viel ich weiß. Die Unmäßigkeit im Essen und Trinken heißt in der Bibel Völlerei und ist eine der sieben Todsünden. Wer beim Essen und Trinken allzuviel des Guten tut und sich gar zu gierig sattißt, hat eine schwere Sünde begangen. Wenn er ihrer überführt wird und keine andere Sünde je begangen hätte, ist seiner Seele nicht mehr zu helfen, immer ausgenommen, daß er Buße tut. […]

    Ihr armen Leute, mit dieser Sünde habt ihr nichts zu tun, denn ihr habt selten das, was ihr braucht. Denn das, was ihr in eurer Not haben müßtet, das vertilgen die Vielfraße in ihrer Maßlosigkeit. Der allmächtige Gott hat von allem zu essen und zu trinken genug geschaffen, ganz wie all die Vögel in den Lüften genug Nahrung haben. Sie führen weder Pflug noch Wagen, mühen sich nie ab und haben doch alle genug Nahrung und sind wohlgenährt und schön. Seht ihr, das kommt daher: Wenn einer selbst genug hat, läßt er auch den anderen teilhaben. Von diesen Vielfraßen aber schlingt einer wohl täglich so viel in sich hinein, daß davon drei oder sechs Leute gut auskämen. Wo ihrer zehn beisammen sind, verprassen sie in einem Tag, was gut und gern für 40 Menschen reichen würde. Sie müssen darauf verzichten, es fehlt ihnen am Leib. Und wenn ein armer Bedürftiger um einen Mund voll Brot oder einen Schluck Wein bittet, um sein krankes Herz zu laben, so verjagt ihn der andere mit unverschämtem Spott. Dafür wirst du in der Hölle begraben, wie jener, der sich ständig auf Völlerei verlegte […]. Hütet euch bloß vor den schweren Sünden, dann hat dein Mangel und deine Krankheit gleich ein Ende; doch dein Wirtschaften kommt dann nie ans Ende, während solche Vielfraße in der Hölle begraben liegen und für alle Völlerei, die sie in dieser Welt verübten, gern einen Wassertropfen nähmen. […]

    Freilich, mancher Vielfraß ist ganz arm und verschafft sich’s nur durch Lug und Trug, durch Diebstahl und Raub und überlegt an vielen Stellen, wie er seiner Völlerei Genüge tue. Und manches, was seiner Hausfrau und seinem Kind verlorengeht, jagt er allein durch seinen Schlund und läßt seine Hausfrau hungern und sein Kind frieren. Nun seht ihr, wie vielerlei Schaden die Sünde anrichtet, die Völlerei heißt; an Leib und Seele, an Ehre und Gut. Auch wenn es sich einer mit seinem Gut wirklich leisten kann, es nimmt ihm doch die Ehre, wenn man sagt: ‚Der da ist ein Vielfraß und ein Schlauch, oder die da ist eine Vielfräßin.‘ Früher einmal waren die Frauen sehr gut erzogen und maßvoll im Essen und Trinken. Aber jetzt ist’s vorbei und sogar zur Gewohnheit geworden: Während der Mann das Schwert vertrinkt, hat sie Ring und Kopftuch vertrunken. Und so haben sich beide, Frau und Mann, durch ihre Völlerei um die Ehre gebracht und um Seele, Leib, Leben, Gesundheit und hohes Alter.

    ‚Wie, Bruder Berthold? Ich möchte doch meinen, je besser einer äße und tränke, desto kräftiger und gesünder sähe er aus und desto länger lebe er!‘ Dem ist aber nicht so, und ich sage euch den Grund. (Es folgt ein ausführlicher Vergleich des menschlichen Magens mit einem Kochtopf, der beim Überlaugen rundum Schaden anrichtet.) Beachtet noch etwas: Von Kindern reicher Leute werden viel weniger alt oder auch nur erwachsen als armer Leute Kinder; das kommt daher, daß man reicher Leute Kinder völlig überfüttert. So viel kann man ihnen ja gar nicht geben, daß man sicher wäre, genug gegeben zu haben. Das kommt von der Zärtlichkeit, mit der man sie umgibt, und von der Fülle, die man reichlich zur Verfügung hat. Da bereitet dem Kind die Schwester ein Breichen und streicht’s ihm hinein. Nun ist sein Töpfchen, nämlich sein Mägelchen, klein und schnell gefüllt. Da fließt’s ihm wieder heraus; gleich streicht sie’s ihm weiter hinein. Hinterher kommt die Tante und macht mit ihm dasselbe. Hinterher kommt die Amme und sagt: ‚Ach, mein armes Kind, nicht hat er heute bekommen!‘ und fängt von vorne an und streicht’s ihm hinein. Da weint es und zappelt. Aber so füttert man reicher Leute Kinder um die Wette, daß sehr wenige alt werden. Also hütet euch davor um Gottes willen, der euch erschaffen hat, wenn euch eure Seele lieb ist. Wollt ihr’s aber um Gott und eurer Seele willen nicht so tun, so tut’s, wenn euch Ehre und Gut lieb sind. Wollt ihr’s aber aus allen diesen Gründen nicht tun, so tut’s, wenn euch Leib und Leben, Gesundheit und ein hohes Alter lieb sind. Denn ihr möchtet doch allesamt gern gesund bleiben und alt werden.“

    Q 1 Auszug aus Berthold von Regensburgs Predigt „Über fünf schädliche Sünden“ (1264)

    „Nun überlegt, ob es für euren Leib etwas Besseres und Lieberes gibt als Gesundheit und ein langes Leben. Wer von den Anwesenden dauern gesund bleiben und lang leben möchte, der hüte sich vor zwei Sünden. Die eine heißt Unmäßigkeit im Essen und Trinken, die andere Unmäßigkeit des Fleisches mit unkeuschen Sachen. Sie tun der Gesundheit des Leibes so vielerlei Schaden, daß niemand es ganz beschreiben kann. Trotzdem will ich euch einiges davon mitteilen, so viel ich weiß. Die Unmäßigkeit im Essen und Trinken heißt in der Bibel Völlerei und ist eine der sieben Todsünden. Wer beim Essen und Trinken allzuviel des Guten tut und sich gar zu gierig sattißt, hat eine schwere Sünde begangen. Wenn er ihrer überführt wird und keine andere Sünde je begangen hätte, ist seiner Seele nicht mehr zu helfen, immer ausgenommen, daß er Buße tut. […]

    Ihr armen Leute, mit dieser Sünde habt ihr nichts zu tun, denn ihr habt selten das, was ihr braucht. Denn das, was ihr in eurer Not haben müßtet, das vertilgen die Vielfraße in ihrer Maßlosigkeit. Der allmächtige Gott hat von allem zu essen und zu trinken genug geschaffen, ganz wie all die Vögel in den Lüften genug Nahrung haben. Sie führen weder Pflug noch Wagen, mühen sich nie ab und haben doch alle genug Nahrung und sind wohlgenährt und schön. Seht ihr, das kommt daher: Wenn einer selbst genug hat, läßt er auch den anderen teilhaben. Von diesen Vielfraßen aber schlingt einer wohl täglich so viel in sich hinein, daß davon drei oder sechs Leute gut auskämen. Wo ihrer zehn beisammen sind, verprassen sie in einem Tag, was gut und gern für 40 Menschen reichen würde. Sie müssen darauf verzichten, es fehlt ihnen am Leib. Und wenn ein armer Bedürftiger um einen Mund voll Brot oder einen Schluck Wein bittet, um sein krankes Herz zu laben, so verjagt ihn der andere mit unverschämtem Spott. Dafür wirst du in der Hölle begraben, wie jener, der sich ständig auf Völlerei verlegte […]. Hütet euch bloß vor den schweren Sünden, dann hat dein Mangel und deine Krankheit gleich ein Ende; doch dein Wirtschaften kommt dann nie ans Ende, während solche Vielfraße in der Hölle begraben liegen und für alle Völlerei, die sie in dieser Welt verübten, gern einen Wassertropfen nähmen. […]

    Freilich, mancher Vielfraß ist ganz arm und verschafft sich’s nur durch Lug und Trug, durch Diebstahl und Raub und überlegt an vielen Stellen, wie er seiner Völlerei Genüge tue. Und manches, was seiner Hausfrau und seinem Kind verlorengeht, jagt er allein durch seinen Schlund und läßt seine Hausfrau hungern und sein Kind frieren. Nun seht ihr, wie vielerlei Schaden die Sünde anrichtet, die Völlerei heißt; an Leib und Seele, an Ehre und Gut. Auch wenn es sich einer mit seinem Gut wirklich leisten kann, es nimmt ihm doch die Ehre, wenn man sagt: ‚Der da ist ein Vielfraß und ein Schlauch, oder die da ist eine Vielfräßin.‘ Früher einmal waren die Frauen sehr gut erzogen und maßvoll im Essen und Trinken. Aber jetzt ist’s vorbei und sogar zur Gewohnheit geworden: Während der Mann das Schwert vertrinkt, hat sie Ring und Kopftuch vertrunken. Und so haben sich beide, Frau und Mann, durch ihre Völlerei um die Ehre gebracht und um Seele, Leib, Leben, Gesundheit und hohes Alter.

    ‚Wie, Bruder Berthold? Ich möchte doch meinen, je besser einer äße und tränke, desto kräftiger und gesünder sähe er aus und desto länger lebe er!‘ Dem ist aber nicht so, und ich sage euch den Grund. (Es folgt ein ausführlicher Vergleich des menschlichen Magens mit einem Kochtopf, der beim Überlaugen rundum Schaden anrichtet.) Beachtet noch etwas: Von Kindern reicher Leute werden viel weniger alt oder auch nur erwachsen als armer Leute Kinder; das kommt daher, daß man reicher Leute Kinder völlig überfüttert. So viel kann man ihnen ja gar nicht geben, daß man sicher wäre, genug gegeben zu haben. Das kommt von der Zärtlichkeit, mit der man sie umgibt, und von der Fülle, die man reichlich zur Verfügung hat. Da bereitet dem Kind die Schwester ein Breichen und streicht’s ihm hinein. Nun ist sein Töpfchen, nämlich sein Mägelchen, klein und schnell gefüllt. Da fließt’s ihm wieder heraus; gleich streicht sie’s ihm weiter hinein. Hinterher kommt die Tante und macht mit ihm dasselbe. Hinterher kommt die Amme und sagt: ‚Ach, mein armes Kind, nicht hat er heute bekommen!‘ und fängt von vorne an und streicht’s ihm hinein. Da weint es und zappelt. Aber so füttert man reicher Leute Kinder um die Wette, daß sehr wenige alt werden. Also hütet euch davor um Gottes willen, der euch erschaffen hat, wenn euch eure Seele lieb ist. Wollt ihr’s aber um Gott und eurer Seele willen nicht so tun, so tut’s, wenn euch Ehre und Gut lieb sind. Wollt ihr’s aber aus allen diesen Gründen nicht tun, so tut’s, wenn euch Leib und Leben, Gesundheit und ein hohes Alter lieb sind. Denn ihr möchtet doch allesamt gern gesund bleiben und alt werden.“

    Bors, Arno, Lebensformen im Mittelalter mit zahlreichen zeitgenössischen Abbildungen, Frankfurt/Main 2010, S. 189 ff.